Mit "Lover Never Dies" präsentierte Komponist Andrew Lloyd Webber erstmals in der Musicalgeschichte ein Sequel. Zehn Jahre nach "Das Phantom der Oper" setzt die Handlung an. Dieses Mal in New York. Auf DVD ist ein Mitschnitt der überarbeiteten australischen Version aus dem Regent Theatre in Melbourne erschienen. Im Gegensatz zur Originalaufnahme (2 CDs) aus London ist dem Werk eine deutliche Überarbeitung und Straffung anzuhören. So beginnt das Musical nun mit einem der wenigen ohrwurmverdächtigen Songs des Phantoms, "Till I hear you sing", der ursprünlich erstmals im Verlauf des ersten Aktes zu hören war. Dieser dramaturgische Eingriff in den Handlungsablauf tut dem Musical jedoch sehr gut: Als Grundlage der Geschichte dient die Szene nun dazu, die weitere Handlung aufzurollen und stellt die beiden Protagonisten direkt in den Mittelpunkt.
Überhaupt fokussiert das Kreativteam den Blick sehr stark auf wenige Charaktere. Große Ensemblenummern sucht man hier vergeblich. Das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen dem Phantom (inzwischen in Coney Island als Mr. Y bekannt), Christine und ihrem Ehemann Raoul sowie Meg Giry und ihrer Mutter bilden das zentrale Element des überarbeiteten Stücks. Übrigens allesamt Charaktere, die man auch aus dem ersten Teil kennt. Neu hinzugekommen ist hingegen der zehnjährige Sohn des Phantoms, Gustave. Dem phantomversierten Zuschauer und Kenner werden viele Anspielungen - nicht nur musikalischer Natur - an den Vorgänger auffallen. Trotzdem hat es Andrew Lloyd Webber mit diesem Musical geschafft, ein eigenständiges Werk zu kreieren, welches nicht nur eine willkommene Abwechslung zu mancherlei Compilationshow darstellt.
Der künstlerische Anspruch und musikalische Tiefgang ist, trotz der fehlenden Ohrwürmer, enorm. Vielmehr liegt hier ein konzeptionelles und musikalisches Gesamtwerk vor, welches auch durch hohe dramaturgische Dichte überzeugen kann. Das wird auf dieser DVD vielmehr deutlich als auf dem bisher erhältlichen ursprünglichen CD-Mitschnitt. Neben dem hervorragend gelungenen Bühnenbild (Gabriela Tylesova) fällt auch ein für heutige Verhältnisse herrlich entspanntes Lichtdesign (Nick Schlieper) positiv auf. Die Regie von Simon Phillips steht ganz im Dienste der Handlung; die (teils wohl nachgedrehten Szenen aus Melbourne) wurden außerdem für die DVD stimmungsvoll eingefangen. Alle Darsteller agieren auf erfeulich hohem Niveau; das Orchester spielt pompös und musikalisch akzentuiert auf. Trotz aller Kritik, die zu diesem Musical immer wieder zu lesen war, beweist dieser Mitschnitt, dass es gelungen ist, einen - zumindest in der überarbeiteten Version - stimmigen Nachfolger zu schaffen, der sich trotz des beinahe übermächtigen ersten Teils absolut nicht zu verstecken braucht. Eine klare Empfehlung!
Text: Michael Potthast







