REZENSION | Es ist schon ärgerlich, wenn eine sehenswerte Show wie das Pop-Oratorium "Die 10 Gebote" aufgrund eines Systemfehlers beim Ticketanbieter Ticketmaster einen bitteren Beigeschmack behält. Denn in der Kampa-Halle im westfälischen Minden wurden für die Vorstellung am 6. März 2011 um 19 Uhr etliche Sitzplätze doppelt verkauft. Verärgerte Zuschauer müssen deshalb auf teilweise schlechtere Plätze umquartiert werden und der Showbeginn verzögert sich um rund 30 Minuten.
Doch auch ohne das Sitzplatz-Chaos wäre die Kampa-Halle - in der normalerweise Handball-Bundesligaspiele stattfinden - als Veranstaltungsort für ein kulturelles Event gnadenlos durchgefallen. Abgesehen davon, dass in einer Sporthalle ohnehin kaum Konzertfeeling aufkommen kann, ist das Foyer für die Masse an Zuschauern viel zu klein, während die Toiletten überfüllt und noch dazu durch einen unglücklich aufgebauten Süßwaren-Stand schwer zugänglich sind. Die Luft in der zum Zuschauerraum umfunktionierten Halle ist stickig, trocken und heiß und die Akustik lässt sehr zu wünschen übrig. Zuschauer, die sich davon nicht abschrecken lassen, sich aber nach der Vorstellung noch bei Bratwurst und Bier für einen Plausch im Foyer befinden, müssen sich letzten Endes sogar noch gefallen lassen, wie sich die breitschultrigen Sicherheitskräfte vor ihnen aufbauen und sie aus der Location hinauskomplimentieren. Alles andere als die perfekten Bedingungen für einen schönen Konzertbesuch - wäre da nicht noch die Show an sich, das Pop-Oratorium "Die 10 Gebote" von Dieter Falk und Michael Kunze.
Was das Pop-Oratorium so empfehlenswert macht, ist die Musik. Denn Komponist Dieter Falk hat einen gelungenen Mix aus Rock, Pop und Gospel komponiert, der schnell ins Ohr geht und den das Junge Orchester NRW unter der Leitung von Heribert Feckler (auch Musikalischer Leiter der "Cats"-Tour) bestens umsetzt. Die Songtexte von Michael Kunze hingegen bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Sie sind einfallslos und uninspiriert und wirken, als hätte Kunze krampfhaft zu reimen versucht. Eine wahre Enttäuschung, wenn man bedenkt, dass der selbst ernannte Storyarchitekt normalerweise viel hochwertigere Texte schreibt, für die er bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Doch von den Texten der "10 Gebote" ist in der Mindener Kampa-Halle aufgrund der miserablen Akustik und des schlecht abgemischten Tons ohnehin nicht viel zu verstehen. Immerhin werden auf zwei Leinwänden die Texte jedoch eingeblendet.
Erzählt wird in dem Pop-Oratorium die weltbekannte biblische Geschichte von Mose, der von Gott den Auftrag erhält, das Volk Israels aus der Knechtschaft zu befreien. In der Titelrolle ist Michael Eisenburger zu sehen, der als Mose ein wenig unterfordert wirkt. Zwar überzeugt er in jedem seiner Songs mit starker Bühnenpräsenz und rockig-rauchiger Stimme, kann aber nicht seine ganze stimmliche Leistung abrufen, da es ihm seine Rolle einfach nicht abverlangt. Als Moses Ehefrau Zipporah steht ihm Bahar Kizil zur Seite, die als Sängerin der Castingband "Monrose" bekannt wurde und auch in den "10 Geboten" nicht einfach nur gut aussieht, sondern mit wunderbar klarer Stimme das Publikum zu lautstarkem Szenenapplaus hinreißt.
Mit Paul Falk und Yosefine Buohler führen zwei Kinder als Erzähler durch die Handlung. Während Buohler - bekannt als Finalistin beim RTL-Supertalent - sich mit ihrer kräftigen Stimme nahtlos in die Riege der erwachsenen Darsteller einreiht, bleibt Paul Falk dagegen weit zurück. Seinen Part packt er aufgrund des Stimmbruches in den Höhen nicht mehr, so dass er etliche Stellen nur heiser krächzen kann. Hier wurde die Chance vertan, die Rolle mit einem anderen Jungen neu zu besetzen, statt den Sohn des Komponisten zu verpflichten.
Absolut sehens- und hörenswert ist Stefan Poslovskis Interpretation des Pharaos. Als ägyptischer Herrscher hat er mit seiner extravaganten und sehr hohen Stimme die Bühne fest im Griff. Aber auch Frank Logemann als Aaron und Jonathan Agar als Naroch stehen ihren Kollegen in nichts nach und agieren völlig rollendeckend mit starker vokaler Präsenz. Mit Bonita Niessen, Silke Braas, David Thomas und Stefan Stara wurden zudem vier talentierte Darsteller als Ensemble verpflichtet, die das Team komplettieren. Die Solisten und das Orchester auf der Bühne werden zudem noch aus dem Hintergrund durch einen 500-köpfigen Chor unterstützt, der vor allem bei den Gospelsongs für die richtige Stimmung sorgt.
Optische Unterstützung erhält die Handlung durch das stimmige Lichtdesgin von Michael Grundner und die schlichten, aber schön anzusehenden Kostüme von Karin Alberti. Für Regie und Choreografie zeichnet Doris Marlis verantwortlich - eigentlich eher ungewöhnlich bei einem Oratorium. Doch bei den "10 Geboten" fällt es ohnehin schwer zu entscheiden, ob es sich dabei um ein Konzert oder Musical handelt. Es ist irgendetwas dazwischen. Und deshalb ist Doris Marlis in ihrer Funktion als Regisseurin und Choreografin nicht sehr gefordert. Ärgerlich ist nur, dass sie einige Szenen immer wieder auf dem Bühnenrand sitzend spielen lässt. Immer wenn dies geschieht, sind die jeweiligen Darsteller von den nicht ansteigenden, aber teuersten Sitzplätzen im Innenraum aus nicht mehr zu sehen.
Insgesamt aber kann das Pop-Oratorium "Die 10 Gebote" durchaus überzeugen, was sich auch im frenetischen Schlussapplaus widerspiegelt. Die bekannte Handlung von Mose wird hier mittels ohrwurmlastiger Musik durch hochkarätige Solisten und einen stimmstarken Chor transportiert und garantiert einen kurzweiligen Konzertbesuch. Nach der Uraufführung im Januar 2010 in der Dortmunder Westfalenhalle und der Aufführung in Minden wird das Pop-Oratorium im nächsten Jahr auf Tour gehen und in Hannover (29.01.2012), Düsseldorf (12.02.2012) und Mannheim (26.02.2012) zu sehen sein.
Text: Dominik Lapp







