Schon mit der Ankündigung des Musicals „3 Musketiere" von Ferdi Bolland und Rob Bolland überraschten die Freilichtspiele in Tecklenburg. Bei der Premiere in den Mauern der alten Burgruine war dann schnell klar: Auch die Inszenierung als solche wird überraschen, mitreißen und beeindrucken.
Wer in den letzten Jahren die Inszenierungen in
Tecklenburg verfolgt hat weiß, auf welch hohem Niveau die Bühne
arbeitet. Mit dem diesjährigen Musical „3 Musketiere", so darf wohl
getrost behauptet werden, ist jedoch ein Meilenstein gesetzt worden.
Das, was das große Ensemble auf die Bühne bringt, kann vom ersten Moment
an beeindrucken. Schon das stimmungsvolle Opening des Musicals entführt
den Zuschauer nämlich direkt in die Welt von D´Artagnan, den
Musketieren und in das Frankreich unter Ludwig XIII. Das Tempo, welches
hier von der Regie (Marc Clear) vorgegeben wird, zieht sich durch die
ganze Inszenierung, wirkt dabei aber niemals hastend. Nicht zuletzt ist
dies auch dem Dirigat und der musikalischen Leitung von Klaus
Hillebrecht zu verdanken, der mit dem großen und stimmgewaltigen Chor,
den Solisten der Freilichtspiele und nicht zuletzt mit einem sicher
spielenden Orchester großartige Arbeit geleistet hat. Musikalisch ist
dieser Inszenierung nichts anzulasten. Die Chöre klingen beeindruckend
voll und differenziert, so dass selbst in den großen Ensemblenummern
eine beeindruckende Textverständlichkeit, Dynamik und Präzision der
vielen Sänger vernehmbar ist. Das hört man so nicht alle Tage
(Choreinstudierung: Florian Caspar Seibel)!
Die solistischen
Gesangsleistungen sind einwandfrei. Hier rechnet sich das Engagement der
Freilichtspiele, für ihre Inszenierungen gefragte und erfahrene
Musicaldarsteller zu gewinnen. Thomas Hohler, der die Rolle des
D´Artagnan bereits zuvor gespielt hat, wirkt frisch und motiviert. Aus
Nummern wie „Heut´ ist der Tag" holt er gesanglich unglaublich viel
heraus. Auch Yngve Gasoy-Romdal weiß als intriganter Kardinal Richelieu
nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch zu überzeugen. Mit der
nötigen Arroganz im Blick und Spiel weiß er, seine packenden Nummern
darzubieten. Das schwelgende „Oh, Herr" wird zum ersten Gänsehautsong
des Abends, der nach dem Opening und Milady de Winters (Femke Soetenga)
„Milady ist zurück" den einen ruhigen Kontrapunkt zur ansonsten
insgesamt tempogeladenen Partitur des Musicals liefert. Nicht unerwähnt
bleiben darf auch Wietske von Tongeren, die - nicht nur - mit einem
wirklich intensiven „Geteiltes Leid" im zweiten Akt beeindruckt. Live
erhält der Song in dieser Version eine ganz neue Ausdruckskraft, die auf
der bisherigen CD-Einspielung nicht in einer solchen Intensität spürbar
ist. Regisseur Marc Clear steht als Athos auf der Freilichtbühne. Seine
Version von „Engel aus Kristall" ist ebenfalls lobens- und
erwähnenswert.
Das im Gegensatz zu bisher bekannten Versionen
deutlich angezogene Tempo bei „Wer kann schon ohne Liebe sein" tut dem
Song erstaunlicherweise überhaupt keinen Abbruch und lässt sogar neue
Facetten erkennen. Lediglich bei „Die Überfahrt" hätte man sich etwas
mehr Drive gewünscht. So wäre die zweifelsohne gelungen szenische
Umsetzung sicher auch noch packender gewesen.
Großen Anteil am
Genuss der musikalischen Umsetzung hat auch die Tontechnik, die im
Vergleich zu den Vorjahren mit ihrer Arbeit zu „3 Musketiere" einen
großen Schritt nach vorn gemacht hat. Die exzellente Abmischung des
Orchesters - übrigens den gesamten Abend über in einer den
entsprechenden Stücken adäquaten Lautstärke - und die dazu passende
Einbettung und Mischung der Stimmen verdient großes Lob und ließ oft
vergessen, dass man sich unter freiem Himmel befindet.
Die in
diesem Jahr zu sehende Inszenierung von Marc Clear wirft ein ganz neues
Licht auf das Musical, welches seit seiner Uraufführung in den
Niederlanden bereits einige Veränderungen durchgemacht hat. In den
bisherigen deutschsprachigen Inszenierungen konnte Clear, der als Athos
eben auch schon vorher auf der Bühne stand, viele Erfahrungen sammeln
und hat in dieser Zeit scheinbar eine gute Beziehung zu dem Werk
aufgebaut. Zumindest ließ sein überzeugendes Regiekonzept dies vermuten.
Die neuen Akzentsetzungen und Ideen, die in den unterschiedlichsten
Szenen zu erkennen sind, lassen die an einigen wenigen Stellen noch
bestehenden Schwächen des Buches als vernachlässigbar erscheinen. Mit
einer unglaublichen Detailverliebtheit bring Clear in Zusammenarbeit mit
Choreografin Doris Marlis die großen Ensemblenummern auf die Bühne.
Hier scheint alles durchdacht. Auch die Szenen, in denen der große Chor
den Solisten keine Rückendeckung gibt, gelingen absolut überzeugend.
Niemals gleiten die amüsanteren Momente in Klamauk ab und betten sich
gut in die im Grunde ernste Handlung ein, so dass ein erfrischender und
ausgewogener Gesamteindruck entsteht. Das gilt übrigens auch für die
schwierigen Fechtszenen (Fechttrainer: Malcolm Ranson). Hier setzt Clear
oftmals nicht darauf, dass möglichst viel „los" ist, sondern lässt dem
Zuschauer durch geschickte Kniffe Zeit, sich auf einzelne relevante
Kämpfe zu konzentrieren. Die dadurch hervorgerufene Pointierung gelingt
eindrucksvoll. Erstaunlicherweise leidet auch das Tempo der Szenen in
keinster Weise durch diese Vorgehensweise, so dass keine statische Szene
entsteht. Marc Clear beweist mit dieser Inszenierung, dass sein Name
nicht nur auf der Bühne für eine verlässliche Leistung steht.
Insgesamt
kann diese Inszenierung der „3 Musketiere" auf voller Linie überzeugen.
Das gesamte Ensemble - auf, unter und vor der Bühne - zeigt eine
hervorragende und homogene Gesamtleistung in den unterschiedlichen
Disziplinen und macht den Abend zu einer mitreißenden
Freilichtaufführung. Dieses Musical, diese Inszenierung passt
zweifelsohne auf diese Bühne! Herzlichen Glückwunsch Tecklenburg.
Autor: Michael Potthast
Die Besetzung:
D´Artagnan: Thomas Hohler
Milady
de Winter: Femke Soetenga
Kardinal Richelieu: Yngve Gasoy-Romdal
Athos:
Marc Clear
Porthos: Enrico De Pieri
Aramis: Jens Janke
Constance:
Lisa Antoni
Königin Anna: Wietske van Tongeren
König Ludwig XIII:
Lars Kemter
Rochefort: Paul Stampehl
Herzog von Buckingham:
Harald Tauber
Conférencier/James: Stefan Poslovski
Cabaret-Sängerin/Mutter:
Anne Welte
Ensemble:
Kevin Foster, Nils Haberstroh, Till
Schubert, Andrew Hill, Kristian Lucas, Philipp Georgopoulus, Marius
Hatt, Julian Sylva, Jan Altenbockum, Hakan T. Aslan, Daniela Römer,
Ricarda Berelsmann, Sophie Blümel, Angela Hunkeler, Juliane Bischoff,
Silja Schenk, Esther Lach
Chor und Orchester der Freilichtspiele
Tecklenburg
Regie: Marc Clear
Musikalische Leitung: Klaus
Hillebrecht
Choreografie: Doris Marlis
Regieassistenz: Jens D.
Ravari
Fight Director: Malcom Ranson
Fight Captain: Paul Stampehl
Kostüme:
Karin Alberti
Maske: Stefan Becks
Bühnenbild: Susanna Buller
Requisite:
Heidi Raps, Ingo Heming
Choreinstudierungen, musikalische Assistenz:
Florian Caspar Seibel
Dance Captain: Sophie Blümel


