Das Bühnenbild von Götz Loepelmann für "Anatevka" im Hamburger St. Pauli Theater ist karg. So karg, wie man sich das Leben im vorrevolutionären russischen Reich vielleicht vorstellen mag. Der Titel des Stücks steht programmatisch in großen, schattierten Kapitälchen vor dem Hintergrund einer Dorfstraße im Stile Edward Munchs. Eine Reminiszenz an die große Stummfilmzeit? Tatsächlich bläht Regisseur Ulrich Waller ("Hinterm Horizont") seinen Perschik (Mario Ramos) im zweiten Teil der Inszenierung vom kleinen politischen Aktivisten zum großen demagogischen Agitator auf, lässt ihn seine Thesen wild gestikulierend aber lautlos von einer überdimensionalen Leinwand herab verkünden. Sergej Eisenstein hätte seine wahre Freude gehabt.
Karg auch die Bühnenausstattung. Sind es Schränke, die dort stehen? Oder doch eher Hauseingänge? Das mag situationsabhängig sein. Ob sich nämlich die spielenden, neugierigen Töchter von Tevje und seiner Frau Jente darin verstecken oder ob sich die Dorfbewohner zur Nachtruhe begeben: Der Raum wächst und schrumpft in den Köpfen der Zuschauer. Eine der doch arg beschränkten Spielfläche geschuldete Notwendigkeit, von Loepelmann jedoch aus der Not zur Tugend geadelt.
Dasselbe gilt leider nur bedingt für die Leistung des Ensembles, denn auch hier zeigt sich: Das Stück ist eigentlich zu groß für die Bühne des St. Pauli Theaters. Die Leistung von Gustav Peter Wöhler wird wohl kaum jemand ernsthaft in Abrede stellen wollen. Unübertroffen sein Mienenspiel, der so unvermittelte und glaubhafte Schatten des Zweifels, des Zorns, der in seine heitere, klare Stirn fällt. Sehenswert seine Dialoge - mit sich selbst oder mit Gott. Genial "Tevjes Traum", mit dem er seine Frau für die Hochzeit von Zeitel und Mottel gewinnen kann. Natürlich steht und fällt jede Inszenierung von "Anatevka" hauptsächlich mit der Interpretation Tevjes. Umso tiefer muss dann allerdings die Fallhöhe zur gesanglichen Qualität (fast) aller anderen Darsteller wirken.
Anneke Schwabe (Zeitel), Marina Lubrich (Hodel) und Heide Grübl (Chava) kämpfen sich tapfer, aber nur mit wechselhaftem Erfolg durch “Jente, o Jente“. Und Adriana Altaras (die im April 2012 "Anatevka" in Osnabrück inszenieren wird) haucht sich mit einer Brüchigkeit durch "Ist es Liebe?", dass man schon fast Angst um ihre Stimme bekommt. Dankenswerterweise stellt sich Wöhler hier ganz auf seine Spielpartnerin ein, und so gerät die Nummer wenn schon nicht klang-, so doch wenigstens stimmungsvoll. Ausgerechnet der von Autor Joseph Stein seinerzeit so unbeholfen und verdruckst gezeichnete Schneider Mottel (Mark Weigel) landet, im direkten Vergleich, mit “Wunder, ein Wunder“ und mit viel Volumen einen gesanglichen Höhepunkt des Abends. Ein Wunder, fürwahr.
Was den Darstellern an musikalischer Überzeugungskraft gebricht, machen sie durch ihr Spiel mehr als wett. Und hier beweist Ulrich Waller gleich ein doppelt glückliches Händchen, indem er nicht nur auch noch die kleinste Nebenrolle mit Augenmaß besetzt, sondern aus all den bekannten und weniger bekannten Gesichtern tatsächlich ein Ensemble schmiedet. Dies zeigt sich auf bedrückende Weise bei Zeitels Hochzeit. Die lakonische Bemerkung des zwischen systemtreuer, unmenschlicher Pflicht und nachbarschaftlicher Freundschaft hin- und hergerissenen Wachtmeisters, man komme wohl ungelegen. Der plötzliche Einbruch von Gewalt ins fröhliche Beisammensein. Und dann die Schockstarre der Hochzeitsgäste. Diese kurzen Momente sind psychologisch derart dicht gewoben, dass es einem buchstäblich den Atem raubt.
Andere Szenen sieht man mit gänzlich neuen Augen: Etwa die Beziehung zwischen Tevje und Golde. Während man sich in anderen Inszenierungen kaum des Eindrucks erwehren kann, hier werde ein wenig aneinander vorbei gelebt, weswegen man den liebevollen Umschwung bei "Ist es Liebe?" schon fast als erlösende Pointe empfindet, erlebt man Wöhler und Altaras von Anfang an als eingespieltes Team. Ob es einem nun gefällt oder nicht: Waller hat es nicht ganz so mit der Tradition wie die Bewohner des Städtchens. Auch nicht sein Musikalischer Leiter Matthias Stötzel, der den altbekannten Nummern mit frischen Arrangements immer wieder neue Facetten abgewinnt. Damit tut er dieser Produktion sicherlich den größten Gefallen.
Womit also anstoßen nach diesem Theaterabend? Sekt oder Selters? Schorle ist das Getränk der Wahl, alles in allem.
Text: Jan Hendrik Buchholz







