Die große Treppe auf der Stiftsruinenbühne in Bad Hersfeld sticht durch eine aufdringliche schwarz-rot-gelbe Farbmarkierung schon beim Betreten der Zuschauerränge hervor. Im Hintergrund ist das überdimensionale DDR-Wappen mit Ährenkranz, Hammer und Zirkel zu erkennen.
Ohne Zweifel befindet sich der Zuschauer im Nachkriegsdeutschland.
Zu dieser Zeit finden sich viele ehemalige Lagerhäftlinge - als Staaten- und Heimatlose - zusammen und versuchen, ihr Leben neu zu ordnen. Die sympathische, etwas schüchterne Marie kümmert sich um diese „displaced persons" und gibt ihnen Kleidung. In ihrem persönlichen Umfeld hat Marie ihr privates Glück bereits gefunden - sie ist mit dem smarten angehenden Beamten Jo verlobt.
Allerdings ist das Glück der beiden nicht von langer Dauer, da die stadtbekannte Kartenleserin Carmen allen Männern den Kopf verdreht und natürlich auch vor Jo nicht Halt macht. Im Beisein seiner Verlobten versucht sie den jungen Mann zu verführen, was ihr schließlich auch gelingt. Jo verliebt sich in Carmen, die jedoch nur mit ihm spielt.
Jahre später, zur Zeit der Währungsreform, haben sich Kati und Karlemann, ein Pärchen aus der Gruppe der „displaced persons" den Traum von einer eigenen Bar erfüllt. In dieser Bar treffen Carmen und Jo erneut aufeinander. Jo bezeichnet ‚seine' Carmen als Verlobte, worauf jene tatsächlich - nach Befragung der Karten - einwilligt. Dennoch sagen ihr die Karten, dass diese Verbindung nur sieben Jahre halten wird.
Sieben Jahre später kommt es zu einem heftigen Streit zwischen Carmen und Jo, der vergeblich versucht, sich gegen die Eigenwilligkeit seiner Frau durchzusetzen. Jo verbietet Carmen, die Begleitung des in der Stadt gastierenden Rock'n'Roll-Stars Johnny Ray zu sein, dennoch widersetzt sich Carmen den Geboten ihres Gatten, was fatale Auswirkungen hat.
Die deutsche Carmen aus der Feder Judith Kuckarts unter der Regie Nico Rabenalds weist neben der vertrackten Liebesgeschichte auch viele politische Elemente auf. Die politischen Verhältnisse des Nachkriegsdeutschlands spiegeln sich in den Charakterzügen der Figuren wider. So gibt es zu Carmens Hintergrund durchaus eine Geschichte - wenn auch nicht sehr präsent für den Zuschauer, sodass die geheimnisvolle Femme Fatale nichts von ihrer nebulösen Art einbüßt. Doch gerade der Versuch, dieser unerfindlichen Figur einen Hintergrund zu geben, dies jedoch in Andeutungen und mitunter verschiedenen Herkunftsgeschichten der Hauptperson zu verschleiern, lässt die gesamte Handlung mitunter inkonsequent und paradox wirken. So erfolgen einige Entwicklungsstufen der einzelnen Charaktere ad hoc und überhetzt. Beispielsweise bezeichnet Jo Carmen unmittelbar als seine Verlobte und sucht nach ihr. Carmen selbst scheint sich sehr schnell zu wandeln, indem sie Jos Liebe erwidert und sich tatsächlich mit ihm verlobt. Durch ihre zuvor sehr konsequent dargestellte ablehnende Haltung, ein überraschender Stimmungswechsel.
Die sieben Ehejahre sind vergangen, ohne dass die Beziehung der beiden in irgendeiner Form konkretisiert wurde. Waren sie wirklich verliebt, war es für Carmen von Beginn an nur eine Zweckgemeinschaft? Wieso fällt Jo ausgerechnet nach den sieben Jahren auf, dass Carmen die Falsche ist?
Jos rasende Eifersucht baut sich ebenfalls nicht allmählich auf, sondern ist zufällig da. Der schüchterne, zurückhaltende, von der Femme fatale beherrschte Mann entwickelt sich von einem Moment zum anderen zum eifersüchtigen, herrschsüchtigen Ehemann, der sich nur durch Gewalttat seinem Ziel nahe sieht.
Der Versuch, Carmen mögliche Gründe für ihr Verhalten zu geben, scheitert, da die stückweise nur scherenschnittartig eingeführten Tiefen der Figur in Kombination mit ihrem Auftreten, eher zur Verwirrung führen.
Das Bühnenbild besticht durch schlichte Eleganz, wobei die Treppe in Farben der Deutschen Flagge besonders hervorsticht. Allerdings werden die Farben je nach Szene durch passendes Licht abgemildert, weshalb die anfängliche Penetranz der Farbgebung nicht durch das komplette Stück erhalten ist. In der Mitte des großen Ährenkranzes tauchen je nach Sequenz verschiedene Hinweise auf die Zeit auf, so ein zerstörtes Hakenkreuz unmittelbar nach Kriegsende, eine deutsche Mark in den Zeiten der Währungsreform und die amerikanische Flagge beim Auftritt Johnny Rays.
Die Musik bedient sich hin und wieder bekannter Melodien, zum Teil aus der gleichnamigen Oper, aber auch Ausschnitte aus der deutschen Nationalhymne sind in die Musik mit eingeflochten.
Anna Montanaro, die sicherlich eine der bekanntesten deutschen Musicaldarstellerinnen ist, gibt eine umwerfend arrogante, dennoch ängstlich verzweifelte - während sie sich die Karten legt - Carmen. Sie bedient das Klischee der klassischen Femme Fatale, einer ‚männerverschlingenden', unnahbaren, verführerischen Frau, die jede Bindung scheut. Gesanglich schafft Montanaro Gänsehautgefühl. Leider lässt der Plot ihre Figur teilweise paradox wirken.
Das gesamte Ensemble brilliert mit klaren Stimmen und gut verständlichen Texten.
Die Musik ist nachhaltig und verfügt durch immer wiederkehrende Motive über einen Wiedererkennungswert, der die Rezeption vereinfacht.
Insgesamt bietet Carmen - ein deutsches Musical ein interessantes, musikalisch und schauspielerisch erfreuliches Musicalvergnügen, das jedoch aufgrund der verwirrenden Textvorlage einiges an Substanz einzubüßen hat. Schade, denn die Grundidee, Carmen aus Spanien nach Deutschland zu holen, ist generell ein attraktiver Gedanke. An der Ausführung dürfte jedoch noch gefeilt werden.
Autorin: Anna-Lena Noll







