REZENSION | Wer hätte das gedacht? Das Gershwin-Musical "Crazy for You" überrascht in Tecklenburg als knallbunte Gute-Laune-Show. Dabei stellte sich in Musicalkreisen im vergangenen Jahr erst einmal Ernüchterung ein, als das Stück für 2011 bekannt gegeben wurde. Kein Wunder, denn die grandiose Inszenierung der "3 Musketiere", die Marc Clear im vergangenen Jahr dort auf die Bühne gebracht hat, war auch nur schwer zu toppen.
Dass "Crazy for You" auf der Tecklenburger Bühne solchen Spaß macht, ist vor allem der Verdienst des genialen Regieteams. Christian Struppeck und Andreas Gergen haben das Stück flott und pointenreich inszeniert. Da folgt ein Witz auf den nächsten. Die ganze Inszenierung wirkt wie ein Knallbonbon voller guter Regieeinfälle.
Die Handlung ist schnell erzählt: Bankierssohn Bobby Child (Marc Seitz) wird von seiner Mutter (Iris Werlin) in das Wüstenstädtchen Deadrock geschickt, um den säumigen Schuldner Everett Baker (Reinhard Brussmann) daran zu erinnern, dass er mit seiner Ratenzahlung an die Bank im Rückstand ist. Doch Bobby interessiert sich gar nicht für Bankgeschäfte. Er will Tänzer werden und in einer Show am Broadway tanzen. Um den Bewohnern Deadrocks zu helfen und Touristen in die Stadt zu locken, verkleidet er sich als Broadway-Produzent Bela Zangler und will in dem leer stehenden Theater eine Show auf die Beine stellen. Doch dann verliebt er sich in Everetts Tochter Polly (Filipina Henoch) und seine Verkleidung fliegt auf, als der echte Zangler (Mathias Schlung) auftaucht. Doch alles endet – wie könnte es anders sein – mit einem Happy End: Bobby bekommt seine Polly, Bobby darf tanzen und die Show in Deadrock wird ein Erfolg.
Susanna Buller hat für die Inszenierung ein sehr funktionales Bühnenbild geschaffen, das abwechselnd den Broadway und Deadrock zeigt. Der alte Brunnen der Burgruine wurde dazu zur Showbühne umfunktioniert, das große Tor wurde zum Theater, in der Mitte der Bühne steht das Hotel von Lank Hawkins und es gibt sogar zwei mit LED beleuchtete Showtreppen für das große Finale. Doch neben dem gelungenen Bühnenbild bieten auch die Kostüme von Karin Alberti viel fürs Auge. Besonders die bunten Showkostüme der Tänzerinnen sind wunderschön anzusehen.
Das Herzstück der Inszenierung sind definitiv die Choreografien von Danny Costelloe. Die Freilichtspiele Tecklenburg haben sich damit wahrlich einen Gefallen getan, für "Crazy for You" ausnahmsweise mal nicht die Haus- und Hofchoreografin Doris Marlis zu verpflichten. Mit Costelloe haben sie sich einen Profi für große Tanzszenen ins Boot geholt, der schon am Friedrichstadtpalast in Berlin große Revuen choreografiert hat. Die Tanzszenen in Tecklenburg sind so flott, so ausdrucksstark, so wahnsinnig energetisch, dass man davon einfach nicht genug bekommt. Vor allem aber wird auf der Tecklenburger Bühne zum ersten Mal gesteppt, was nicht nur toll aussieht, sondern auch toll klingt. Das Publikum weiß die Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer jedenfalls mit viel Applaus zu honorieren.
Die Riege der Hauptdarsteller kann sich – wie man es aus Tecklenburg schon gewohnt ist – wirklich sehen lassen. Als Bobby Child überzeugt Marc Seitz tänzerisch genauso wie gesanglich. Doch besonders schauspielerisch kann er im Doppelpack mit Mathias Schlung in der Rolle des Bela Zangler punkten. Wenn der echte und der falsche Zangler leicht beschwipst aufeinandertreffen, liegt das Publikum vor Lachen fast unter den harten Bänken des Zuschauerraums. Filipina Henoch ist eine hübsche Polly Baker mit einem wunderbar großen Mundwerk, die sich von Männern nichts gefallen lässt. Auch sie ist schauspielerisch sehr stark, singt mit engelsgleicher Stimme und lässt beim Tanzen einmal mehr die Fetzen fliegen.
Bettina Mönch ist als Bobbys eifersüchtige Verlobte ebenfalls göttlich – vor allem zusammen mit Peter Kaempfe in der Rolle des Lank Hawkins. Schade nur, dass Reinhard Brussmann als Everett Baker nur eine sehr kleine Rolle bekommen hat, in der er seine wohlklingende Gesangsstimme nicht oft zum Einsatz bringen kann. Auch Anne Welte und Frank Winkels haben als Ehepaar Fodor nicht viele Szenen, können ihre wenigen Auftritte aber vollends für sich nutzen.
Wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass bei vielen großen Musicalproduktionen oftmals nur noch weniger als zehn Musiker im Orchestergraben sitzen, ist es fast schon außergewöhnlich, dass in Tecklenburg mehr als 20 Musiker aufspielen. Unter der Leitung von Tjaard Kirsch erwecken sie die Partitur George Gershwins gekonnt mit Tempo und sattem Klang zum Leben.
Letztendlich wirkt "Crazy for You" als Gesamtpaket: Musik, Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme sind bestens aufeinander abgestimmt und werden durch hervorragende Darsteller komplettiert. Wer bislang dachte, sich für das Stück nicht begeistern zu können, weil die Handlung zu flach oder die Musik zu altmodisch ist, wird in Tecklenburg eines Besseren belehrt. Es ist nur fraglich, ob das Stück in einem Stadttheater genauso gut funktioniert. Denn Tecklenburg hat ganz klar den Vorteil, dass auf der riesigen Freilichtbühne ganz andere Möglichkeiten bestehen, die das Regieteam gut genutzt hat und sogar einen echten Oldtimer über die Bühne sausen lässt. Insgesamt eine überraschend gute Show, die riesigen Spaß macht und selbst Skeptikern ein Lächeln ins Gesicht zaubern dürfte.
Text: Ursula Adler







