Ein riesiges Orchester, aufwendige Kostüme, bombastische Ensembleszenen vor einem gigantischen Bühnenbild. „Das Orangenmädchen“ kommt ohne all das aus und zeigt, dass man auch in kleinem Rahmen wunderbar unterhalten werden kann. Der perfekte Ort für dieses feine Stück ist das Off-Theater in Wien, das mit seinen gerade mal 100 Plätzen genau den richtigen intimen Rahmen bietet. Und da Ensemble und Band auch nur aus 4 Darstellern und 2 Musikern bestehen, passt die Relation ja fasst wieder zu der von herkömmlichen Musical-Produktionen.
Martin Lingnau, Christian Gundlach und Edith Jeske zauberten aus der Romanvorlage von Jostein Gaarder ein traumhaft schönes Musical. Die Geschichte eines Briefes, den der todkranke Jan-Olav an seinen Sohn Georg schreibt. Als dieser den Brief erhält, ist er 15 und sein Vater bereits seit elf Jahren tot. Der Brief erzählt die Liebesgeschichte von Georgs Vater und dem geheimnisvollen Orangenmädchen. Beim Lesen erfährt Georg nicht nur, wie sich seine Eltern kennengelernt haben, er findet auch gute Tipps, wie er selbst mit seinen ersten Erfahrungen in Sachen „Liebe“ fertig wird.
„Das Orangenmädchen“ besticht durch Einfachheit: Ruhige Beleuchtung, schlichte Szenenwechsel, auf der Bühne nur die nötigsten Requisiten, eine Projektionsfläche und Orangen. Das tut gut, quasi „Musical mal anders“. Abgespeckt, ohne viel Klamauk drumherum. Allerdings dafür auch ohne Tam Tam, hinter dem man sich als Sänger verstecken kann. Und deshalb gebührt besonderer Respekt den Darstellern, die sich hier, begleitet nur von Klavier und Cello, der gnadenlosen Publikumsnähe „ausliefern“. Denn was sonst Kostüme, Bühnenbild und Orchester erledigen, das muss das Ensemble durch darstellerische und gesangliche Leistung wettmachen. Im Großen und Ganzen gelingt ihm das, viele kleine Highlights in Spiel und Regie wecken immer wieder Begeisterung. Sandra Miklautz ist das Orangenmädchen schlechthin, genau der richtige Typ für diese interessante Rolle. Man könnte meinen, sie steht in ihren Alltagskleidern auf der Bühne. Michael Konicek meistert souverän den Balanceakt, als Erwachsener einen Teenager zu spielen. Keine Spur von aufgesetztem Jung-sein-Wollen, sein Spiel ist durchweg authentisch. Als Jan-Olav ist Harald Buresch passend besetzt, der einen liebevollen Vater und romantischen Verehrer des Orangenmädchens mimt. In der Rolle der Isabell ist Melanie Bayer zu sehen. Sie gibt zusammen mit Georg das schüchtern verliebte Teenager-Pärchen.
Martin Lingnaus berührende Melodien gepaart mit Edith Jeskes märchenhaften Liedtexten bringen Herz und Seele zum Strahlen. Ein ganz besonderes Musical-Highlight, das ab November 2009 wieder in Wien bewundert werden kann.
Autor: Rupert Preißler








