Eine von Bäumen eingegrenzte Wiese gibt den Blick auf zwei Bühnen frei, ein kleiner Schmetterling fliegt frech durch die Reihen und setzt sich hin und wieder dem ein oder anderen Zuschauer auf den Kopf. Das Theater für Niedersachsen lädt dazu ein, gemeinsam mit Mary Lennox den geheimen Garten zu entdecken.
Die kleine Mary Lennox überlebt als einzige eine schwere Cholera-Epidemie in Indien und wird daraufhin zu ihrem Onkel Archibald nach England gebracht. Dort bleibt das trauernde Mädchen allerdings weitgehend sich selbst überlassen, da ihr Onkel, selbst Witwer, noch immer in Gedanken bei seiner verstorbenen Frau weilt. Die Magd Martha überredet das oft auf seine Umgebung aggressiv reagierende Kind, sich im großen Garten des Anwesens umzusehen und dort zu spielen.
Mary entdeckt, dass es auf dem Anwesen einen geheimen Garten gibt und möchte diesen sehen, allerdings stellt sich die Suche nach dem Eingang schwieriger heraus, als erwartet. Mithilfe der Bediensteten schafft sie es schließlich doch, den Eingang zu finden und entschließt sich, den verdorrten Garten wieder gesund zu pflegen.
Dass ein Besuch in Marys immer schöner werdendem Garten dem schwer kranken Sohn Archibalds, Colin, mehr und mehr zur Genesung verhilft, ist Neville, Archibalds Bruder, ein Dorn im Auge. Er verspricht sich von Colins Tod die Abreise seines Bruders und damit dessen Anwesen. Demnach setzt er alle Hebel in Bewegung, um auch Mary loszuwerden.
Mit Der geheime Garten hat das Theater für Niedersachsen ein bekanntes und mit Preisen ausgezeichnetes Broadwaystück in einer Neuübersetzung für das Projekt „Gartenregion Hannover 2009“ auf die Bühne gebracht. Dabei gelingt es dem Team um Übersetzer Christian Gundlach und Regisseur Craig Simmons, die verschiedenen Welten des Stückes mit einer schlichten Eleganz darzustellen.
Das Orchester ist, nicht wie in großen Theatern, im Graben versteckt, sondern auf einer separaten Bühne neben der Spielbühne platziert.
Die Inszenierung zeichnet sich durch wenig Requisite, vielmehr durch Raumbewegung aus. Um die labyrinthgleiche Größe des Anwesens von Marys Onkel zu verdeutlichen, eilt das Mädchen zwischen beweglichen Tüchern oder Mauerteilen hin und her, die jeweils von zwei schwarz vermummten Gestalten getragen werden. Die Mauerteile, die von der einen Seite grau und von der anderen sandfarben bemalt sind, zeigen dem Zuschauer, wo sich die Charaktere gerade aufhalten – im Schloss oder davor.
Im Hintergrund ist die Bühne mit einem schwarzen Tuch abgedeckt, das im Finale des zweiten Akts heruntergelassen wird und den Blick auf die Bäume der Parkanlage freigibt, die mit grünen Lichtern angestrahlt werden.
Das auf einem englischen Kinderbuch von Frances Hodgson Burnett beruhende Stück spielt auf zwei Ebenen, in zwei Welten. Da gibt es zum einen die Toten, beispielsweise Marys Eltern oder Lily, die verstorbene Frau von Archibald, zum anderen die Menschen auf der Erde. Die Toten haben allerdings noch immer einen gewissen Einfluss auf die Lebenden, indem die Trauernden hin und wieder ihre Stimmen hören können oder sich in Träumen ihnen gegenüber sehen.
Eine solche, mitunter undurchsichtige Verschmelzung der Welten möglichst auch für Kinder verständlich auf die Bühne zu bringen, stellte eine große Herausforderung an die Inszenierung dar. Craig Simmons hat diese mittels verschiedener Kostümfarbgebungen eindrucksvoll umgesetzt. Die Toten sind ausschließlich in weißer Kostümierung zu sehen, sodass die Zugehörigen beider Welten immer genau zu unterscheiden sind. Durch diese farbige Abgrenzung gelingt es der Inszenierung, Gedanken und Erinnerungen darzulegen, indem oft, wenn sich Mary oder Archibald an ihre Liebsten erinnern, eben jene mit auf der Bühne stehen.
Dass die Toten allerdings auch teilweise Rückschauen darbieten, die parallel zu Erinnerungen der Lebenden verlaufen, wirkt hin und wieder ein wenig verwirrend.
Neben der Abgrenzung der Totenwelt in Form von weißen Kostümen spielt die Farbgebung in der gesamten Inszenierung eine tragende Rolle.
So erscheint die Farbe Rot immer im Zusammenhang mit tödlichen Krankheiten. Dies wird jedoch erst im zweiten Akt wirklich deutlich, da zu Beginn des Stückes die Einwohner in Indien an Cholera sterben, mittels eines Tanzes angezeigt, bei dem sich alle nacheinander ein rotes Tuch aus dem Kostüm ziehen, am Kopf entlang streichen und dann die Bühne verlassen. Im zweiten Akt, in dem Mary den Garten das erste Mal betritt und sieht, dass er vertrocknet, also tot ist, wirft Neville, der herrschsüchtige Bruder Archibalds, ein rotes Tuch über Colin und inmitten des zweiten Aktes, als Mary Colin in den Garten gebracht hat, entfernen die Toten viele rote Tücher von Colin, der daraufhin zum ersten Mal aus seinem Rollstuhl aufstehen kann.
Neben ausgebildeten und erfahrenen Musicaldarstellern stehen in Der geheime Garten auch Kinder auf der Bühne.
Rebecca Gundlach als jüngste der drei Schauspielerinnen für die Hauptrolle der Mary Lennox überzeugte mit ihren gerade mal 12 Jahren durch souveränes Schauspiel und klaren Gesang. Besonders beeindruckend war ihre Darstellung der innerlich zerrissenen und traurigen Mary, die dennoch wie eine Löwin gegen den Bruder ihres Onkels kämpfte, welcher sie in eine Mädchenschule abschieben wollte.
Wiebke Wötzel als Martha und Jens Plewinski als Dickon verkörperten die Figuren, die sich ein wenig Fröhlichkeit in der Welt der trauernden Menschen um sich herum bewahrt haben. Beide begeisterten durch ihre positive Ausstrahlung und gaben ihren Rollen durch den für England doch sehr ungewöhnlichen, niederdeutschen Spracheinschlag eine gehörige Portion Charme.
Jens Krause stach als Dr. Neville Craven durch seine wandelbare Mimik hervor, die seinem Spiel viele feine Nuancen verlieh. Mitleiderregend sang er im Duett mit Fredrik Wickerts als Archibald in „Lilys Augen“ von seiner unerwiderten Liebe zur verstorbenen Frau seines Bruders, abstoßend grausam und skrupellos verhielt er sich, als er Colin mit einer Spritze ruhig stellte und Mary in das Mädcheninternat schicken wollte, um das Anwesen für sich zu gewinnen.
Insgesamt bietet Der geheime Garten durch die Inszenierungsart viel Spielraum für Interpretationen, schafft allerdings auch, mit einfachen Mitteln und schönen, oft traurigen Melodien („Komm in meinen Garten“, „Lilys Augen“) eine tiefsinnige Atmosphäre; für kleine Kinder möglicherweise schwierig zu verstehen.
Die Inszenierung in einem Park auf einer Freilichtbühne stellte sich als Glücksgriff für dieses Stück, das vom Zauber und der Heilkraft der Natur handelt, heraus.
Gerade im zweiten Akt, tat die Natur ihr Übriges, um den Zauber auf das Publikum wirken zu lassen, indem die Vögel in der Abenddämmerung zu zwitschern begannen. Die Beleuchtung der Parkanlage, nicht nur hinter der Bühne, sondern auch seitlich der Zuschauerränge, entließ den Musicalbesucher mit einem verzauberten, romantischen allerdings auch nachdenklichen Gefühl.
Bis zum 30.08.2009 spielt das Stück in verschiedenen Parks der Region Hannover und in Hannover-Herrenhausen.
Autor: Anna-Lena Noll








