„Mein Baby gehört zu mir!“ Die Zuschauer seufzen tief – jetzt kommt der Moment, auf den alle gewartet haben. Die berühmten Akkorde erklingen und das Publikum lässt sich wohlig noch tiefer in die weichen Sitze fallen. Jetzt nur noch genießen! „I´ve had the time of my life ...“
„Dirty Dancing – Das Original Live On Stage“ hat es nicht einfach. Schließlich ist das Original ein Tanzfilm und kein Bühnenstück. Und schon gar kein Musical. Und doch hat die Autorin Eleanor Bergstein sich getraut, 20 Jahre nach dem Filmerfolg ihr „Baby“ auf die Bühne zu bringen. Ab dem 7. April 2009 ist das Ergebnis im Theater am Potsdamer Platz in Berlin zu sehen. Die Fans sind auf jeden Fall schon im Vorfeld begeistert: Vor der Premiere wurden 80.000 Karten verkauft. Doch hält „Dirty Dancing – Das Original Live On Stage“ was es verspricht? Oder sind es die Erinnerungen an Patrick Swazye und Jennifer Grey, die diesen Mythos weiterleben lassen?
Zugegeben, inhaltlich ist „Dirty Dancing“ das perfekte Musical. Es geht um Liebe – eine echte, große und natürlich verbotene Liebe. Es geht um Träume, für die man kämpfen soll und muss – dem Ausbrechen aus der Normalität und Langeweile. Und es geht ums Tanzen!
Frances „Baby“ Houseman (Janina Elkin) verbringt im Sommer 1963 den Urlaub mit ihren Eltern und älteren Schwester Lisa in einem spießigen Ferienclub. Während Lisas größte Sorge ist, die passenden Schuhe für die Tanzabende dabei zu haben, langweilt sich Baby auf den Bingo-Nachmittagen und beim Hufeisen-Werfen. Bis sie die aufregende Welt der Hotelangestellten entdeckt. Sie lernt den Tanzlehrer Johnny Castle (Dániel Rákász) kennen – und lieben. Als Baby bei einem Auftritt für seine Tanzpartnerin Penny (Charlotte Gooch) einspringen soll, erlebt sie die schönste Zeit ihres Lebens. Bis zum Happy End des „verbotenen“ Paares erlebt der Zuschauer einen Sommer voller Energie, Generationskonflikte, Vorurteile, Missverständnisse, Rebellion und Romantik.
Im Vordergrund stehen die unglaublichen Tanzszenen. Die Choreographien (Kate Champion) sind schnell, wild und erotisch. So oft, wie die vielen Tanzpaare auf der Bühne gleichzeitig akrobatische Meisterleistungen zeigen, wird dem Publikum ganz schwindelig. Man neigt als Zuschauer schon fast zum „Eingeschnappt-Sein“, weil man das Gefühl hat, immer etwas zu verpassen. Dennoch sind die Tanzszenen einfach spektakulär. Die berühmten Songs performen tolle Sänger, die in die Szenen perfekt integriert sind. Einige Songs werden als Konzertsituation mit Sängern und Instrumentalisten live und direkt auf der Bühne gezeigt. Das ist in diesem Fall sehr gut gelöst, da im Original kein Darsteller selbst singt. Die Hauptdarsteller sind perfekt besetzt. Janina Elkin zeigt hervorragende schauspielerische Fähigkeiten und bringt mit ihrer dunklen Stimme eine ganz neue Seite in den Charakter von „Baby“. Und sie wird vom gesamten Publikum beneidet. Sie spielt mit Daniel Rákász alias Johnny Castle. Der gebürtige Budapester ist nicht nur ein begnadeter Tänzer, der die schwierigen Choreographien hintänzelt, als wären sie einfacher als Treppen steigen. Nein, ein leises Raunen (von Frauen und Männern) geht durch den Saal als Rákász mit nacktem Oberkörper zu sehen ist. Hallo – was für ein Körper! Erotik pur! Auch Charlotte Gooch als Penny sorgt mit ihrem sexy Hüftschwung im ultraengen Tanzkostüm für große Augen. Sie sticht jedoch nicht nur durch ihren Körper hervor, sondern viel mehr durch das Tanzen. Sie wirft die Beine höher und dreht sich schneller als alle anderen Darsteller auf der Bühne.
Die schnellen Szenen- und Ortswechsel im Film werden auf der Bühne fantastisch dargestellt. Durch verschiedene Dreh- und Hubpodien gelingt den Machern ein überzeugendes Bühnenbild. In Sekundenschnelle wird die Bühne zum Swimmingpool oder Bühne des Talentwettbewerbs. Durch die Drehbühnen können Requisiten ohne menschliche Hilfe auf die Bühne gefahren werden und wieder verschwinden. Auch können die Darsteller durch das Laufen auf diesen Drehelementen weite Strecken (z.B. zwischen Hotelanlage und Angestelltenbereich) zurücklegen, ohne das die Bühne verlassen werden muss. Ein genialer Trick! Spannend wurde es, als die berühmte Szene im Wasser bevorstand. Im Original üben Johnny und Baby in einem See die berühmte Hebefigur. Eine faszinierende Umsetzung aus Stoffbahnen und Lichteffekten. Die Zuschauer sind beeindruckt. Besonders, als der 13 Meter lange Baumstamm einmal quer über die Bühne gekippt wird. Durch die große LED-Leinwand im Hintergrund werden die einzelnen Szenen zusätzlich verstärkt. Weiteres technisches Highlight: Die Videoszenen wechseln die Perspektive, sobald die Darsteller ihre Blickrichtung ändern. Die Kostüme sind zum Teil originale Stücke aus den 60ern, gefunden in Second Hand Läden. Babys Kleid für die „Time of my life“-Szene wurde extra gewebt, um dem Originalstoff nahe zu kommen. Insgesamt wurde die technische Umsetzung mit so viel Liebe umgesetzt, dass dem Zuschauer bei jeder Szene ganz warm ums Herz wird.
„Dirty Dancing – Das Original Live On Stage“ entstaubt den Film und wird zum heißen Event. Die Umsetzung ist mehr als gelungen, durch die tolle Besetzung, den kreativen Ideen auf der Bühne und der romantischen Handlung. Doch Vorsicht: Nach der Show werden Sie einen starken Drang verspüren sich bei einem Tanzkurs anzumelden!
Autor: Sarah Kurze








