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Durchwachsen: "Chess" in Bielefeld

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Schlussapplaus in Bielefeld mit Veit Schäfermeier, Roberta Valentini und Alex Melcher. Foto: Dominik Lapp
Schlussapplaus in Bielefeld mit Veit Schäfermeier, Roberta Valentini und Alex Melcher. Foto: Dominik Lapp
06.10.2011 Rezension

REZENSION | Es ist erfreulich, dass ein in Deutschland relativ selten gespieltes Musical wie “Chess“ immer häufiger den Weg auf die Bühnen der Stadttheater findet. Dennoch scheint ein kleines Theater wie das Stadttheater in Bielefeld mit dem Stück aus der Feder von Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Tim Rice ein wenig überfordert. Zwar sei vorweg gesagt: Die Inszenierung von Kai Kuntze arbeitet mit allen technischen Mitteln, die das Bielefelder Haus bietet. Trotzdem ist weniger manchmal mehr.

Warum aber wirkt das Bielefelder Theater überfordert? Zum einen wäre da der Opernchor, der mit den rockig-poppigen Songs hörbare Probleme hat. Glücklicherweise kann der eigens engagierte und aus Gästen der German Musical Acaemy Osnabrück bestehende Popchor hier einiges zum Positiven wenden. Doch der Popchor allein kann nichts reißen, wenn die Kollegen des Opernchores völlig ausdruckslos und lahm agieren. Schade. Überfordert scheint Regisseur Kay Kuntze auch mit der typgerechten Besetzung der Rollen. Die Solistenriege ist zwar durchaus stark besetzt, doch ist es wenig überzeugend, wenn eine russische Delegation hauptsächlich aus Asiaten besteht. Die Glaubwürdigkeit bleibt hier auf der Strecke.

Über diese Defizite könnte hinweggesehen werden, wenn die Inszenierung in sich wenigstens stimmig und passend wäre. Fehlanzeige. Was in der Oper und dem Sprechtheater schon gang und gäbe ist, muss in Bielefeld nun auch im Musicalgenre durchgesetzt werden: Das krampfhafte Regietheater macht aus “Chess“ – eigentlich ein Musical um eine Schachweltmeisterschaft in den 1970er Jahren vor dem Hintergrund des Kalten Krieges – eine moderne Science-Fiction-Geschichte (Bühne und Kostüme: Duncan Hayler).

Besonders bemitleidenswert ist hier Jens Janke in der Rolle des Schiedsrichters Arbiter zu erwähnen. Gesanglich ist er zwar wie gewohnt top. Schauspielerisch hingegen lässt ihn Regisseur Kuntze nichts anderes als ein paar Schritte über die Bühne machen, während er ansonsten hauptsächlich in einem Stuhl sitzend vom Schnürboden herabgelassen wird und in selbigem wieder verschwindet. Dabei muss er einen silberglänzenden Raumanzug, Patronengürtel und einen Laser-Blaster tragen. In dem Outfit wirkt er allerdings nicht wie ein unabhängiger Schiedsrichter, sondern wie ein der Raumpatrouille Orion entlaufener Sänger der Band ZZ Top.

Auch die Mitglieder des Chores wurden mit hautengen Silberglanzanzügen und silbernen Langhaarperücken ausgestattet, was äußerst befremdlich wirkt. Genauso befremdlich wirkt aber auch das Bühnenbild von Duncan Hayler, das von vier vertikal stehenden Panzern dominiert wird, die auf der Rückseite die beiden Hotelzimmer von Frederick Trumper (Alex Melcher) und Anatoly Sergievsky (Veit Schäfermeier) freigeben. Gelungen hingegen ist der Beginn des zweiten Akts, wenn die gesamte Bühne in Gold erglänzt. Die schrillen Kostüme bei “One Night in Bangkok“ bringen jedoch gleich im Anschluss wieder Ernüchterung mit sich.

Getragen wird “Chess“ in Bielefeld von drei starken Hauptdarstellern, allen voran Veit Schäfermeier als russischer Schachweltmeister Sergievsky. Sein Solo “Anthem“ am Ende des ersten Akts entwickelt sich zum musikalischen Höhepunkt der Inszenierung. Mit klarer wie kräftiger Stimme sorgt Schäfermeier für Gänsehautstimmung und kann schauspielerisch als kluger Russe überzeugen.

Doch auch Alex Melcher als amerikanischer Schachweltmeister Trumper steht seinem Kollegen in nichts nach. Mit rockigem Timbre glänzt er in all seinen Songs. Einzig bei “One Night in Bangkok“ – einem der bekanntesten Songs des Musicals – will keine Stimmung aufkommen. Schauspielerisch gibt Melcher den Amerikaner aggressiv und rebellisch. Hier kann er sich wie ein Hotelzimmer zertrümmernder Rockstar benehmen, was ihm überzeugend gelingt. Der andauernde Konkurrenzkampf zwischen Sergievsky und Trumper bleibt dank des guten Zusammenspiels von Schäfermeier und Melcher von Anfang bis Ende spannend.

Zwischen den beiden Männern steht Florence Vassy, verkörpert von Roberta Valentini. Kostümtechnisch wirkt sie mit ihren roten Lackstiefeln und dem rotweiß gestreiften Kleid zwar wie eine Bahnschranke, doch mit ihrem Schauspiel und der ausdrucksstarken Stimme macht sie den optischen Faux-pas des Kostümbildners wieder wett. Vor allem im Duett “I know him so well“ harmoniert sie wunderbar mit Karin Seyfried (Svetlana). Letztere bleibt buchbedingt leider etwas blass, da sie erst im Laufe des zweiten Akts zu sehen ist. Doch ihren kurzen Auftritt nutzt sie wunderbar mit ihrer klangschönen Stimme.

Aus dem Orchestergraben tönt ein satter Klang der Bielefelder Symphoniker unter der Leitung von William Ward Murta. Ärgerlich nur, dass das Orchester die gesamte Vorstellung dominiert und die Hauptdarsteller kaum eine Chance haben, gegen die Musiker anzusingen. Darunter leidet letztendlich auch die Textverständlichkeit (gesungen wird in Englisch, gesprochen in Deutsch).

Insgesamt ist Kay Kuntzes Inszenierung von “Chess“ also eher durchwachsen. Der wenig überzeugende Opernchor, die völlig aus dem Kontext der Handlung gerissenen Bühnenbilder und Kostüme und das viel zu laute Orchester trüben den Musicalbesuch sehr. Die trotz ihrer Komplexität sehr spannende Story, die wundervolle Musik und die durchweg sehr starken Hauptdarsteller reißen es allein leider nicht raus. Eine konzertante Version – mit besser abgemischtem Ton – wäre sicher lohnenswerter. Trotz allem spendet das Bielefelder Publikum stehende Ovationen.

Text: Dominik Lapp

Artikel vom 06.10.2011    |    Musicalmagazin    |    Startseite
Thema:  chess  bielefeld 
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