An der Deutschen Oper Berlin gastiert noch bis zum 8. Juli 2012 "West Side Story" in der originalen Broadway-Fassung von Regisseur Jerome Robbins und geht danach auf Deutschland-Tournee. Schon 2004 durften nicht nur die Berliner ausgereifte Stimmen und die hervorragend getanzte Choreografie bewundern. Damals wie heute macht es Spaß zuzusehen und zuzuhören, wie die Klassiker "Tonight" oder "I like to be in America" aber auch unbekanntere Nummern wie "Gee, Officer Krupke" zum Leben erweckt werden. Die Besetzung hat sich seit 2004 geändert, die Qualität ist gleichbleibend, und das heißt in diesem Falle auf hohem Niveau.
Zur Geschichte um die rivalisierenden Jugendbanden der Jets und der Sharks und die große Liebe zwischen Tony und Maria, die - wie auch in Shakespeares "Romeo und Julia", das Komponist Bernstein und Autor Arthur Laurents als Vorlage für eines der wohl bekanntesten Musicals aller Zeiten diente - tragisch endet, muss nicht viel geschrieben werden, denn sie ist den meisten bekannt. Für jene, die den im Original natürlich auf Englisch gesprochenen Texten nicht folgen können, wird während der gesamten Show der deutsche Text über der Bühne eingeblendet, ein in der (Deutschen) Oper nicht unübliches Verfahren, das aber, besonders wenn man in den oberen Rängen sitzt, wo der obere Rand der Bühne sich ständig im Blickfeld befindet, störend wirken kann.
Die Musik wird live und souverän unter der Leitung von Donald Chan vom West Side Story Orchestra gespielt. Zumindest auf den Rangplätzen kann man ab und zu einen Blick in den Orchestergraben riskieren, um dem virtuosen Spiel zuzuschauen. Doch allzu lange sollte man den Blick nicht von der Bühne wenden, denn Tony (Liam Tobin) hat sich beim Tanz in Maria (Elena Sancho Pereg) verliebt und läuft singend durch die Straßen. Tobin wirkt sehr jung, wesentlich jünger als der Film-Tony Richard Beymer. Gerade deshalb kauft man ihm die etwas naive Weltsicht der Figur problemlos ab, dass durch die Liebe zu Maria alle Differenzen zwischen Jets und Sharks beseitigt werden können. Bedenken, ob ein so junger Mann in der Lage ist, Bernsteins anspruchsvolle Kompositionen zu meistern, zerstreuen sich wenn nicht bereits bei "Something's Coming" dann doch spätestens bei "Maria".
Sein Counterpart Pereg spielt die Maria mit einer Frische und Begeisterung, die beinahe greifbar ist. Die klassisch ausgebildete Opernsängerin tendiert hin und wieder zum übermäßigen Vibrato, das im krassen Gegensatz zu Tobins eher gerader Tonbildung steht. Dies führt bei "Tonight" unweigerlich dazu, dass die Harmonie, die im Spiel der beiden Darsteller durchaus deutlich wird, erst in der zweiten Strophe auch im Zusammenwirken der Stimmen spürbar wird.
Doch es geht nicht nur um Tony und Maria, sondern auch um die unterschiedlichen Welten der polnischstämmigen "amerikanischen" Jets und der puerto-ricanischen Sharks. Die Aufführung beginnt mit einer fulminanten Tanznummer in der die Banden um die Vorherrschaft im Viertel streiten und schon nach wenigen Sekunden ist klar, dass die Choreographie den Tänzern einiges abverlangen wird. Von der hart durchchoreographierten Kampfszene zwischen Riff und Sharks-Anführer Bernardo (Pepe Muñoz) bis hin zu den federleicht-balletesken Bewegungen in der Traumsequenz während "Somewhere" zeigen alle Darsteller perfekte Körperbeherrschung.
Jets-Anführer Riff wird verkörpert von Andy Jones, der auf den ersten Blick ein wenig zu schuljungenhaft für den Part wirkt, durch seine gesangliche und schauspielerische Leistung den ersten Eindruck vom brav seitengescheitelten blonden Jüngling jedoch wieder wettmacht. Unter den Sharks ist Marias beste Freundin Anita hervorzuheben. Yanira Marin spielt diese Rolle mit viel Energie, komödiantischem Talent und einer gewaltigen Stimme die vor allem bei "I like to be in America" zur Geltung kommt.
Das Bühnenbild ist einfach aber funktional. Zwei bewegliche Treppen- und Balkon-Elemente aus Metall lassen sich vor einer Leinwand verschieben, auf die verschiedene Aufnahmen bekannter New Yorker Monumente und Straßen projiziert werden. In einer Szene wird zusätzlich ein Zaun herein gerollt, in einer weiteren ein Bett. Für die Darstellung des Brautmodengeschäfts in dem Maria arbeitet, reichen zwei Schaufensterfiguren, eine Schneiderpuppe und einige Kleiderständer. Mehr ist auch gar nicht nötig, um die Geschichte zu erzählen. Das intensive Spiel der Darsteller lässt den Zuschauer mit den Figuren mitfiebern und - auch wenn die meisten wohl wissen, wie es enden muss - mithoffen. Schließlich wischt man verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und freut sich zugleich, einen wunderschönen Abend erlebt zu haben.
Text: Julia Weber










