Eine kleine Studentenbude. Ein Sofa, ein Regal, Tisch und Stuhl. Einige Zeichenutensilien, eine Staffelei, und an der Wand hängt ein selbst gemaltes Bild, das eine gut aussehende Frau zeigt. So sieht das Bühnenbild aus, das für das Drei-Personen-Musical “Wenn Rosenblätter fallen“ nötig ist. In rund zwei Stunden erlebt der Zuschauer die Geschichte von Rose (Carin Filipcic) und ihrem Sohn Till (Dirk Johnston). Rose war unheilbar krank, hatte Krebs. Till erfüllte ihr ihren letzten Wunsch: Er half ihr zu sterben.
Sterbehilfe. Ein Tabuthema in unserer Gesellschaft, und ein schwieriges Thema für ein Musical. Trotzdem haben sich Rory Six (Musik) und Kai Hüsgen (Text) diesem Thema angenommen und das Musical “Wenn Rosenblätter fallen“ geschrieben, das 2010 in Amsterdam uraufgeführt wurde und nun auch im deutschsprachigen Raum zu sehen ist.
Die Frau auf dem Bild in Tills Studentenbude zeigt seine Mutter Rose. Till – er studiert im ersten Semester Kunst – hat es gemalt. Doch Rose ist bereits tot, als das Musical beginnt. Trotzdem beginnt es mit einem Auftritt selbiger. Das Bild erwacht zum Leben, Rose tritt aus ihm heraus. Der Zuschauer erlebt, wie Till die Erinnerungen an seine Mutter erlebt und verarbeitet. Denn er hat Iris (Jana Stelley) kennen gelernt, eine Kommilitonin, die ihn immer wieder an seine tote Mutter erinnert. So springt das Stück zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Immer wieder gibt es Rückblicke, exzellent inszenierte Übergänge zwischen Erinnerung und Wirklichkeit (Regie: Dirk Schattner).
“Wenn Rosenblätter fallen“ ist ein sehr berührendes Stück mit vielen emotionalen Momenten. Einer dieser Momente ist die Szene, in der Rose erfährt, dass sie einen Tumor hat und die Ärzte ihr nicht mehr helfen können. Von diesen Momenten gibt es einige. Wenn Till verzweifelt nach seiner Mama schreit, er Iris weinend in die Arme fällt, in einem Rückblick Rose anschreit und sie zur Vernunft bewegen möchte – das sind die Momente, die das Stück tragen und die etlichen Zuschauern sichtbar die Tränen in die Augen treiben.
Bei all diesen starken Szenen ist die Musik eher nebensächlich. Dabei hat Rory Six äußerst starke Melodien geschrieben, die sich zwischen Popballade und Up-Tempo bewegen und gut ins Gehör gehen. Als Ohrwurm erweist sich besonders der Song “Mama ist immer für dich da“, den Dirk Johnston sehr gefühlvoll und mit klarer Stimme intoniert.
Ohnehin ist Johnston ein grandioser junger Darsteller, der für den Till nahezu perfekt scheint. Er gibt den smarten Kunststudenten mit großer Spielfreude und lässt auch gesanglich nichts zu wünschen übrig. Auch das Zusammenspiel mit Jana Stelley als Iris gelingt überzeugend. Hier zeigt sich der Vorteil einer kleinen Produktion, die eine viel intensivere und engere Probenarbeit möglich macht als eine Großproduktion. Und das wirkt sich letztendlich merkbar positiv auf die Inszenierung aus.
Jana Stelley ist wie gewohnt ein Wirbelwind auf der Bühne, was sie schon in Musicals wie “West Side Story“, “Hairspray“ und “Wicked“ gezeigt hat. Ihre Iris ist Hals über Kopf in Till verknallt, hüpft und flitzt durch die Szenen und ist ein wunderbarer Gegenpol zu dem eher introvertierten Till. Ihre Darstellung ist durchweg glaubwürdig und zaubert einem in so mancher Szene ein Lächeln auf die Lippen. Mit sanfter Stimme glänzt sie in jedem Lied.
Über allem jedoch steht Carin Filipcic in der Rolle der Rose. Sie gibt die Krebskranke als weise Mentorin, die ihren Sohn zu Lebzeiten führte und dies auch nach ihrem Tod noch versucht, indem sie Till noch vor ihrem Tod zu wichtigen Anlässen wie Geburtstag, Weinachten oder Studienbeginn Briefe geschrieben hat. Filipcic singt mit warmer Stimme, spielt die Rose liebe- und verständnisvoll und macht während des Krankheitsverlaufs eine unglaubliche Wandlung durch. Wenn sie zusammenbricht und später ihren Sohn bittet, sie von ihren Leiden zu erlösen, dann gelingt ihr das glaubhaft echt. Dabei mag der Zuschauer fast darüber hinwegsehen, dass der Entschluss zur Sterbehilfe buchbedingt recht schnell und abrupt kommt.
Zwar wird auch nicht klar, weshalb Rose Till bittet, ihr eine Überdosis ihres Medikaments – versteckt in einer Süßigkeit – zu verabreichen, statt es selbst zu tun. Doch das sind allesamt Kleinigkeiten im Buch, an denen durchaus noch gearbeitet werden kann.
Insgesamt überzeugt “Wenn Rosenblätter fallen“ mit der dramatischen Handlung, einer unglaublich authentisch und emotional agierenden Cast und wundervoller Musik. Zum Schlussapplaus, der erst nach einem Moment der Stille einsetzt, gibt es viele Tränen – auf der Bühne und im Zuschauerraum. Das ist etwas, das nicht jedes dramatische Musical schafft. Bravo!
Text: Dominik Lapp







