REZENSION | “Kinder haben zu viel Energie“, mit der sie stören und die es deshalb zu vernichten gilt, meinen Frau Zucker und ihre Komplizen. Welche Methoden es dafür gibt, was die eigentlichen Beweggründe sind und ob sich die Kinder kampflos vernichten lassen, ist im bunten Musicalspektakel “Frau Zucker will die Weltherrschaft“ vorerst bis Ende Dezember 2011 in der Neuköllner Oper in Berlin zu sehen – eine Produktion mit Studenten des Studiengangs Musical/Show der Universität der Künste: professionell, vielversprechend und durchweg unterhaltsam.
Meg, Tinchen und Hansi sind unzufrieden mit ihren Eltern. Und das zu Recht. Während Megs Eltern wenig Zeit haben, wird Hansi von seinem Vater geschlagen, und Tinchen muss wegen Mamas Depression den gesamten Haushalt übernehmen. Doch Kindern, denen es zu Hause reicht, finden Zuflucht bei der wunderbaren Frau Zucker – einer Nachbarin, bei der “alles erlaubt“ ist, die Apfelstrudel mit Vanillesoße backt und die Kinder beim Mau-Mau gewinnen lässt. Geradezu zu schön, um wahr zu sein. Und während Hansi und Tinchen sich von der zwielichtigen Dame verzaubern lassen, ist Meg skeptisch und geht den Ereignissen im Haus genauer auf den Grund. Als sie jedoch anfängt, Geschichten über eine Maschine zu erzählen, die den Kindern alle Energie raubt, wird sie von Eltern und Freunden für verrückt erklärt und braucht jegliche Energie, um sich zu behaupten.
Mit dem bunten Musical aus der Feder von Musical/Show-Studiengangsleiter Peter Lund und Komponist Wolfgang Böhmer geht die Universität der Künste Berlin wiederholt eine Co-Produktion mit der Neuköllner Oper ein, wo in den vergangenen Jahren regelmäßig Studenten und Absolventen des Studiengangs Musical/Show ihr Können präsentierten. In diesem Jahr erwartet den Zuschauer eine leicht bekömmliche, fröhliche Show, bei der auch ruhige Klänge nicht ausbleiben. Die Songs sind süß und eingängig, die Choreografien machen ohne Zweifel Spaß. Wer jedoch tragische Musicalmomente und große Balladen sucht, ist hier falsch. Vielmehr bietet die Geschichte um Frau Zucker seichte Unterhaltung und einen Ausblick auf die Musicalgrößen von morgen. Dass es sich bei den Darstellern noch um Lernende handelt, mag der Zuschauer kaum glauben. Hier sitzt jeder Ton, stimmt jede Mehrstimmigkeit, ist jeder Tanz synchron.
Ein echter Blickfang und Lachgarant ist vor allem die berüchtigte Frau Zucker, gespielt von Angela Bittel. Als eine Mischung aus Peg Bundy aus “Eine schrecklich nette Familie“ und Fran aus “Die Nanny“ spielt die 24-jährige Sängerin ihr Rolle durchweg überzeugend schräg und lässt keinen Zuschauer daran zweifeln, dass Frau Zuckers wahres Gesicht alles andere als süß ist. Auch Walesca Frank in der Rolle der Meg fällt vor allem durch ihre schauspielerische Leistung auf. Ihr gelingt es anscheinend problemlos, die Neugierde, Naivität und Hilflosigkeit einer 10-Jährigen zu verkörpern. Auch ihren befreundeten Charakteren Hansi (André Haedicke) und Tinchen (Maria-Danaé Bansen) nimmt man das junge Alter ohne Zweifel ab. Im Gegensatz dazu treten Valerija Laubach und Nikolas Heiber – als Eltern von Meg – sowie die an Depressionen erkrankte Mama von Tinchen (Andrea Sanchez del Solar) in “elterlicher“ Manier eher besorgt und ernst auf. Doch es scheint tatsächlich niemand giftiger zu sein als Frau Doktor Giftig (Nadine Aßmann) und ihr Komplize Herr Braasch (Rupert Markthaler). Auch Nicky Wuchinger und Christina Patten agieren professionell in kleineren Rollen.
Während der ehemalige Jahrgang des Studiengangs Musical/Show nun bereits unter anderem in Hape Kerkelings “Kein Pardon“ (Benjamin Sommerfeld in der Rolle des jungen Peter Schlönzke) oder der Tournee-Produktion von “Grease“ (Stefan Rüh als Danny) auf der Bühne stehen, versprechen auch die Darsteller von “Frau Zucker will die Weltherrschaft“, bald zu den Großen unserer Musicalbühnen zu gehören. Wer vorher noch schnell einen Blick auf die zukünftigen Sternchen werfen will, sollte seine Chance in der Neuköllner Oper nutzen.
Text: Julia Hoffmann







