Im Zentrum der Bühne steht ein Kinderwagen. Im Zentrum zwar, aber dennoch nicht im rechten Licht. Kein Wunder also, dass ihn Veronika (Carolin Fortenbacher) erst einmal in Position bringt, bevor sie ihn mit groben Pinselstrichen skizziert. Gemalt wird überhaupt viel an diesem Abend, ausgemalt noch weit mehr. „Eine Leinwand ist kein Bild“, zumindest nicht für die bildende Künstlerin Veronika, deren Gesang denn auch von Metaphern aus ihrem Metier durchsetzt ist.
Eine gänzlich andere Leinwand, ein weißes Blatt nämlich, wählt ihr todkranker Mann Jan Olav (Sascha Rotermund), um dem gemeinsamen Sohn die Geschichte seines Lebens zu hinterlassen. Oder besser: die Geschichte seiner großen Liebe. Elf Jahre nach dem Tod seines Vaters beginnt Georg (Benjamin Hübner), diesen Abschiedsbrief zu lesen.
Harald Weiler (Regie) wagt sich an den Brückenschlag und vollzieht den Dekadensprung leichtfertig, zugleich aber mit poetischer Kraft. Wenn zum Beispiel Jan Olav von seiner ersten Begegnung mit dem Orangenmädchen in der Nationalgalerie berichtet und Georg eingesteht, dass er selbst sich unlängst am gleichen Schauplatz in einer ähnlichen Situation wiedergefunden hat, dann wird daraus ein Duett über Rubens, Medizin und verpasste Chancen, bei dem beide im Handumdrehen die Bühne mit übermannshohen Paravents umdekorieren (Ausstattung: Lars Peter) und damit gleichsam selbst zu Regisseuren ihrer eigenen Geschichte werden.
Ein anderes Mal wird der kleine Junge von seinem Vater ins Bett gebracht, mit der bangen Frage: „Wie stark wär' dein Herz?“ Als junger Mann erwacht er nur wenig später in den Armen seiner Mutter, die ihm rät: „Wenn Liebe sich ergibt, dann ist es gut, sich zu ergeben.“ Zwei kurze Gänge, ein minimaler Lichtwechsel: Die Verwandlung ist geschehen. Schön, auf diese Weise daran erinnert zu werden, welche Magie Theater - und nur Theater - nach wie vor zu eigen ist.
Diese Magie trägt den ganzen Abend, vor allem aber den zweiten Akt: Da wird bewusst die vierte Wand aufgebrochen, weil ein Medizinstudent als Weihnachtsmann verkleidet das Publikum beehrt und beschert, da sucht Georg sehnsuchtsvoll den Nachthimmel per Teleskop ab, um anschließend von seinem Vater buchstäblich in eine Sternendecke gehüllt zu werden, da schreibt und lehnt Jan Olav an klobigen Kisten, die erst das aufblendende Licht in hohe Papierstöße verwandelt, da erscheint ihm seine Angebetete in orangefarbenem Mantel vor einer orangefarbenen Sonne. Das könnte kitschig sein, wenn es nicht so charmant wäre. Doch was für das Bühnengeschehen gilt, gilt leider nicht (immer) für den Text: So spritzig und witzig die gesprochenen Dialoge auch sein mögen: Sobald gesungen wird, regiert das Klischee.
Es ist schon schwer genug, die thematische Dreifaltigkeit der Vorlage – Zeit, Leben, Liebe – in leicht verdauliche Lieder zu gießen. Zu übermächtig, zu nebulös erscheinen die Begriffe. Dieser Aufgabe dann indes mit einer geradezu schlagerhaften Pomadigkeit beizukommen, kann wohl kaum der Weisheit letzter Schluss sein – gerade dann nicht, wenn es gilt, der Feinsinnigkeit eines Jostein Gaarder gerecht zu werden. „Zeit ist ein Brief, den das Leben dir schreibt“, heißt es da. Und die Protagonisten sind sich entgegen jeglicher Beziehungsrealität einig: „Liebe erlöst uns von allen Fragen.“ Jan Olav entblödet sich nicht einmal, seinem Sohn am Ende des Briefes (und des Stückes) mit auf den Weg zu geben: „Du kannst dich für das Leben entscheiden. Mach das Beste daraus.“
Und sie machen das Beste daraus, die vier Darsteller, kongenial unterstützt von Pirkko Langer am Cello und Stephan Sieveking am Klavier, am facettenreichsten dabei zweifellos Carolin Fortenbacher. Benjamin Hübner hält tapfer mit, gönnt seinem Georg – durchaus nicht unpassend für dessen (pre)pubertäres Alter – stimmlich zuweilen Ungeschliffenheit und Überschwang. Und am Ende ist Kitsch eben doch König, ist die Freude über, die Dankbarkeit für einen gelungenen Abend jedem ins Gesicht gemalt. Auf der Bühne. Und davor.
Text: Jan Hendrik Buchholz







