REZENSION | Nach der deutschsprachigen Erstaufführung von "Die Frau des Bäckers" zeigt das Theater für Niedersachsen (TfN) in Hildesheim mit "Children of Eden" seit Sommer 2010 ein weiteres Musical aus der Feder von Stephen Schwartz, der vor allem durch sein Musical "Wicked" bekannt wurde. Während "Children of Eden" anfangs nur für eine begrenzte Spielserie in der Hildesheimer St.-Michaelis-Kirche geplant war, tourt die Produktion mittlerweile durch zahlreiche niedersächsische Kirchen - mit Erfolg.
Erstmals ist das Stück in einer neuen sinfonischen Fassung in der deutschen Übersetzung von Christian Gundlach zu sehen, die bewusst den englischen Titel "Children of Eden" trägt, um eine Verwechslung mit dem Ken-Follett-Roman "Kinder von Eden" auszuschließen. Dabei werden die professionellen Künstler der TfN-MusicalCompany von einem 50-köpfigen Projektchor unterstützt. Die Musik dagegen kommt aufgrund von Platzmangel in den Kirchen allerdings nur vom Band, was die Qualität des Musicals jedoch keinesfalls schmälert. Ganz im Gegenteil: Die Musik - eine gelungene Mischung aus Rock, Pop, Folk und Gospel - wurde nämlich von einem 55-köpfigen Orchester und einer Rockband eingespielt. Und während diese zwar vom Band kommt, ist der Gesang jedoch live.
"Children of Eden" erzählt im ersten Akt die Geschichte von Adam und Eva und im zweiten Akt die Geschichte von Noah und der Sintflut. Die Zuschauer müssen aber weder gläubig noch bibelfest sein, um der Handlung folgen zu können, da Schwartz daraus eine universelle Geschichte über das Leben verschiedener Generationen gemacht hat.
Als Bühnenbild dient vor allem die Kirche selbst, deren Altarraum nur minimalistisch mit weißen Stellwänden und rostfarbenen Metallquadern durch Bühnenbildner Steffen Lebjedzinski ausgestattet wurde. Auch die Kostüme, für die Lebjedzinski ebenfalls verantwortlich zeichnet, sind sehr schlicht gehalten. So tragen die Darsteller im ersten Teil schwarze Kleidung und im zweiten Teil bunte Mäntel. Das Hauptaugenmerk liegt also auf den Künstlern selbst und nicht auf einer voluminösen Ausstattung, mit der beispielsweise das Schwartz-Musical "Wicked" protzt.
Regisseur Craig Simmons und Choreografin Andrea Heil schaffen es mit einfachsten Mitteln, die Handlung spannend voranzutreiben. Büsche, in denen sich Adam (Frank Brunet) vor seinem Vater versteckt, werden so kurzerhand durch die anderen Akteure dargestellt. Und die Schlange, die Eva (Michaela Linck) dazu verführt, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu kosten, wird durch fünf Darsteller mit schlangenartigen Zischlauten stilisiert. Für eine Szene wird sogar auf einfachstes Schattentheater zurückgegriffen, um mit einem Scheinwerfer die Schatten von Pferden, Elefanten, Schildkröten und anderen Lebewesen auf ein weißes Tuch zu werfen. Eine Idee, die das Publikum mit Szenenapplaus honoriert.
Ebenso schön ist auch die Idee, den gesamten Sakralbau und somit auch das Publikum in die Handlung mit einzubeziehen. Immer wieder laufen die Darsteller durch die Bankreihen, singen mitten im Publikum und sorgen dadurch für eine ungewohnte Nähe, die Regisseur Simmons anscheinend bewusst hergestellt hat. Insgesamt versteht er es bestens, durch starke Personenregie Emotionen ins Auditorium zu transportieren. Das zehnköpfige Ensemble agiert wunderbar homogen, jede Rolle scheint perfekt besetzt.
Während die Rolle des Vaters bislang im Wechsel von Hardy Rudolz und Chris Murray gespielt wurde, hat nun mit Ansgar Schäfer ein weiterer erfahrener Musicaldarsteller diesen Part übernommen. Die gewichtige Rolle des Gottvaters füllt Schäfer mit starker Bühnenpräsenz aus, seine Songs gibt er mit charaktervoller Stimme.
Frank Brunet gibt seinen Adam schauspielerisch wie gesanglich sehr überzeugend zunächst als unerfahrenen Jungen, später als strengen Vater. Auch die Wandlung zu Noah im zweiten Akt gelingt ihm mit Bravour. An seiner Seite steht mit Michaela Linck als Eva und Mama Noah eine ebenso starke Darstellerin mit sanfter Stimme, die besonders bei Abels Tod schauspielerisch überzeugt.
Ebenfalls perfekt besetzt sind die Rollen der Brüder Kain und Abel mit Jonas Hein und Jens Plewinski, die im zweiten Akt als Jafet und Ham ein weiteres Brüderpaar spielen. Wie alle Darsteller dieser Inszenierung zeigen auch sie große Wandlungsfähigkeit in ihren Rollen und begeistern mit makellosen Stimmen. In der Rolle von Jafets Frau Yonah glänzt eine großartige Wiebke Wötzel mit besonders großer Spielfreude. Ihre Songs "Im Regen nicht allein" und "Kleiner Himmelskapitän" interpretiert sie wundervoll nuanciert, während ihre sanfte Stimme im Duett "Wie lang uns bleibt" auch bestens mit der gefühlvollen Stimme von Jonas Hein harmoniert. Navina Heyne als Aphra, Sebastan Strehler als Sem, Tanja Krauth als Aysha und Annika Dickel als Erzählerin komplettieren die durchweg starke Darstellerriege.
Insgesamt hinterlässt diese Inszenierung einen mehr als positiven Eindruck, und das Publikum der besuchten Vorstellung in der Osnabrücker Katharinenkirche bestätigt dies mit stehenden Ovationen. Aufgrund der abwechslungsreichen und melodiösen Partitur darf "Children of Eden" vielleicht zu den besten Werken von Stephen Schwartz gezählt werden. Die grandiose Musik, die spannende Handlung und die absolut starke Cast garantieren jedenfalls einen lohnenswerten Musicalbesuch.
Text: Dominik Lapp







