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Humorvolles Altern: "Ewig Jung" im Renaissance-Theater Berlin

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Das Renaissance-Theater in Berlin. Foto: Wikipedia / Georg Slickers
Das Renaissance-Theater in Berlin. Foto: Wikipedia / Georg Slickers
08.09.2011

REZENSION | „Früher war‘s besser“, krächzen die Charaktere des Songdramas "Ewig Jung" mit voller Überzeugung und machen dennoch den Eindruck, als wäre das Leben jetzt im hohen Alter auch gar nicht mal so übel. Nachdem das Stück aus Erik Gedeons Feder zuvor in Dresden gespielt wurde, kann man nun vorerst noch bis November 2011 im Renaissance-Theater Berlin miterleben, wie die sechs eindeutig in die Jahre gekommenen Figuren trotz aller Gebrechlichkeit das Leben immer noch in vollen Zügen genießen.

Sechs einstige Schauspieler und Musiker haben ihre ehemalige Bühne zu ihrer Altersresidenz erkoren und verbringen ihren Alltag nun damit, in Erinnerungen zu schwelgen und alte Bühnenerfolge wieder aufleben zu lassen. Alles könnte rund laufen, wäre da nicht die Krankenschwester Angelika, die ihre Schützlinge regelmäßig und mit voller Inbrunst an das Sterben, das Krepieren und den Suizid erinnern würde. Verhalten sich die Greise in ihrer Gegenwart wie Kleinkinder, so drehen sie umso stärker auf, sobald Angelika den Raum verlässt. Dann wird trotz Perücke, Krückstock und Zahnprothese plötzlich gesungen, gerockt, gekifft und gefummelt. Sehr zum Vergnügen der Zuschauer.

"Ewig Jung" bietet einen Einblick in den scheinbar alltäglichen Ablauf der halbtoten Seniorengruppe, die furzend, röchelnd und hustend zusammen auf antiken Polstermöbeln sitzt und auf das Ende eines weiteren Tages wartet. Umgeben von Bildern der bereits verstorbenen Freunde und in ständiger Begleitung eines anderen Bekannten, dessen Asche in einer Urne auf dem Flügel aufbwahrt wird, könnte man meinen, sie hätten ihren Lebensmut auch längst verloren, und wird eines besseren belehrt, sobald ihre Glieder anfangen zu Hits wie "Staying Alive" von den Bee Gees oder "Rehab" von Amy Winehouse zu zucken. Sogar Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" oder der schrille 1990er Hit "Barbie Girl" werden nicht ausgelassen, womit das Publikum – durchweg bereits auch im höheren Alter – schon fast wieder überfordert scheint.

Herausragend ist die Authentizität, mit der die eigentlich noch jungen Darsteller die senilen Charaktere verkörpern. Niemand denkt an eine schöne Frau in den besten Jahren, wenn Katharine Mehrling zahnlos und fast sabbernd die wilden Geschichten ihrer Jugend zum Besten gibt. Auch dem hinkenden Herrn Warns (gespielt von Guntbert Warns) und seiner Frau Mauer (Anika Mauer) nimmt man das hohe Alter ohne jeden Zweifel ab. Der unzüchtige Hippie Herr Dierkes (Timo Dierkes), Playboy Herr Landuris (Dieter Landuris) sowie Pianist Herr Ermer (Harry Ermer) stehen dem in nichts nach. Make-up und Kostüme tun ihr übriges, und einzig und allein die guten Gesangsleistungen mit gefestigten, gut ausgebildeten Stimmen lassen erahnen, dass die Schauspieler weitaus jünger sind als die Figuren, die sie spielen. Schwester Angelika, verkörpert von Angelika Milster, fungiert hier als amüsanter Gegenpart. Sie ist die einzige, die tatsächlich im Alter ihrer Bühnenrolle ist, und unterbricht das bunte Treiben der Senioren durch professionelle Gesangseinlagen und eigens für das Stück komponierte Balladen über das Sterben und Altern.
 
Insgesamt verspricht "Ewig Jung" also durch die herausragenden schauspielerischen Leistungen und die gelungene Mischung aus Songs der 1980er und 1990er Jahre einen unterhaltsamen Abend. Letzlich ist es jedoch nicht der typische Musicalbesucher, der hier auf seine Kosten kommt. Vielmehr trifft das Stück den Humor und Musikgeschmack der älteren Generation, die sich von Geschichten über Intimpiercings oder wilde Orgien in den 1960ern noch provozieren und überraschen lässt. Trotdzem schlägt das Stück neben Spaß, Ironie und guter Laune auch einige leisere Töne an. Wer sowieso schon Angst vorm Altern hat, könnte bei dem Anblick der dahinsiechenden Greise erschrecken. Bleibt nur, das ganze mit viel Humor zu sehen und sich wie Freddy Mercury zu fragen: Do you really want to live forever?

Text: Julia Hoffmann

Artikel vom 08.09.2011    |    Musicalmagazin    |    Startseite
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