André Bauer spielt in „Der Graf von Monte Christo“ in St. Gallen den Reeder Morrel – eine Rolle, die es eigentlich gar nicht gibt. Im Gespräch mit thatsMusical-Redakteurin Stephanie Tatenhorst sprach er über die Hintergründe des Rollen-Wegfalls – und kritisierte die Besetzungspolitik vieler Regisseure.
So kurz nach der Premiere und dem Schlussapplaus: Wie geht es Ihnen da?
André Bauer: Hervorragend. Das ist ein Stück, hinter dem ich voll stehe und wo ich sage „Das hat sich gelohnt.“ Es ist eine tolle Geschichte, spannend erzählt, mit sehr guten Leuten auf der Bühne. Was will man mehr?
Dabei haben Sie selbst ja eigentlich gar nicht so viel auf der Bühne zu tun.
André Bauer: Ja, das war anders geplant. Ich hatte ein sehr aufwändiges Vorsingen gehabt. Erst hier in St. Gallen selbst, dann ein call back in Wien und wie mir der Regisseur danach erzählte, sei man auch sehr froh gewesen, dass man mich gefunden hätte. Es hieß „Ja, Du spielst den Morrel. Phantastisch, super.“ Und am ersten Probentag war es dann, als Andreas Gergen (Regisisseur von Der Graf von Monte Christo, Anm. der Redaktion) zu mir kam und sagte: „Du wirst hier einen super Job haben. Du hast so gut wie nichts zu tun.“ Und ich so: „Okay, gut. Was heißt das?“ Und er sagte dann: „Ja, wir haben jetzt das Buch durchgeschaut und es tut uns wirklich leid: Von Deiner Rolle ist nicht mehr sehr viel übrig geblieben.“ Da wusste ich dann schon, dass ich nicht mehr sehr viel zu erwarten habe.
Aber was soll ich sagen? Wenn man das Ego ein bisschen weg lässt – und ich hab ja auch in meiner Vergangenheit so viele Rollen gespielt und so viele Sachen gemacht – dann ist das mal Okay. Das ist hier ein sehr renommiertes Haus und es ist eine Uraufführung. Man kann dabei sein und das ist hervorragend. Mit Thomas Borchert zu spielen ist toll – und viele gute Freunde sind hier. Das ist wie eine große Familie. Da wird einem nicht langweilig.
Sie sind auch das erste Mal in St. Gallen, oder?
André Bauer: Ja, das stimmt. Es ist sogar das erste Mal seit neun Jahren, dass ich aus Wien weg bin. Angefangen mit Mozart! und Elisabeth und dann Rebecca war das doch eine lange Serie. Elisabeth in Essen war ja nur eine kurze Unterbrechung. In Hamburg war Mozart! auch nur ganz kurz, ich glaub vier Monate, und dann ging es als Kaiser Franz Josef wieder nach Wien und zuletzt war ich Frank Crawley in Rebecca. Jetzt bin ich hier, aber ich glaube auch, dass nicht alles ohne Grund passiert. Vor allem, dass ich jetzt hier so wenig beschäftigt bin. Denn dadurch hatte ich Zeit, zwei andere phantastische Jobs auszumachen. Das ist einmal „Gustav Klimt“ im gleichnamigen Musical, das im Sommer in Gutenstein Uraufführung hat, und das ich gut nebenher spielen kann. Der Regisseur ist sogar auch hier im Ensemble, das ist der Dean Welterlen. Außerdem gibt es eine Produktion in Kassel von „South Pacific“, wo ich den Emile spielen werde, die Hauptrolle in diesem Broadway-Klassiker. Daher hat alles doch irgendwie einen bestimmten Grund. Weil sich einige Vorstellungen mit St. Gallen überschneiden, war es auch nur möglich, in Kassel die große Partie zu spielen, weil ich hier in St. Gallen eben nur so eine kleine habe. Also, was will man eigentlich mehr?
Ist es auch ein entspannteres Leben, als wenn man ein Jahr lang ensuite spielt oder ist es durch die viele Reiserei stressiger?
André Bauer: Es ist viel spannender so. Ich hatte das Angebot, „Rudolf“ zu machen – im Ensemble als Prince of Wales, mit Taaffe als Cover und Franz Josef als Cover. Aber mein Bauch sagte „Nein“. Ich hab gesagt, ich gehe einmal weg – und komme dann wieder. Ich mach mal etwas anderes.
Wenn man sich Ihre Engagements in der letzten Zeit angeguckt, waren das eher kleine Rollen. Der Eje in Tutanchamun war ein Nebencharakter, der Frank Crawley in Rebecca hat auch nur ein – wenn auch sehr schönes – Solo zu singen. Ist das ein Trend, dass immer mehr namhafte Darsteller in einem Stück zu sehen sind, die aber immer weniger zu tun bekommen? Der Graf von Monte Christo ist ja eigentlich auch nur ein Borchert-Ein-Mann-Stück mit – wenn auch gutem – Beiwerk.
André Bauer: Ja, es ist so: Wenn man als Supporting Actor (Schauspieler, dessen Rolle unterstützende Funktion hat, Anm. der Redaktion), wie ich mich… nein, wie man mich sieht, als hervorragender, weltklasse Supporting Actor, um mir mal ein bisschen auf die Schulter zu klopfen (lacht), dann ist das immer so wie als Frank Crawley. Und als dann das Angebot aus St. Gallen kam, dass ich den Morrel im Grafen von Monte Christo spielen könnte, da war ich gerade in Prag im Urlaub. Da hab ich dann gefragt, was das für eine Partie werden würde und dann hieß es auch: „Ja, so wie der Frank Crawley.“ Eben auch Supporting Act. Das ist dann halt so: Wenn man sich nicht als Leading Act präsentiert, liegt es in der Phantasie des Zuschauers, sich vorzustellen, wie dieser Mensch in einer Hauptrolle wirken würde. Wenn man jemanden immer nur als Supporting Actor sieht, muss man sich fragen, ob derjenige es schafft, ein Stück zu tragen. Daher ist es natürlich immer ein wenig leichter, wenn man sich als Leading Man präsentiert, um auch wieder als Leading Man engagiert zu werden. Und jetzt kann ich nur hoffen, dass es mit Gutenstein und Kassel ein bisschen vorgelebt wird.
Aber Sie hatten ja auch schon große Rollen: Chris in Miss Saigon, Marius in Les Misérables, …
André Bauer: Ja, das stimmt. Da kann ich mich nicht beklagen. Aber im deutschsprachigen Raum gibt es so Ausnahmekünstler wie beispielsweise Uwe Kröger. So etwas wäre in Amerika gar nicht vorstellbar. Uwe Kröger, der im deutschsprachigen Raum alles gespielt hat, die Nummer 1 ist, die gibt es in Amerika nicht. Da gibt es Leute, die aus dem Ensemble heraus für eine Hauptrolle engagiert werden und danach wieder ins Ensemble gehen. Das ist in Europa fast nicht vorstellbar. Aber ich finde es fast natürlicher und erfrischender, wenn auch mal neue Talente entdeckt werden. Dass auch mal junge Darsteller die Chance und Möglichkeit haben, in die erste Reihe vorzudringen. Ganz normal über Auditions und Vorsingen. Ich hoffe, dass es auch in Deutschland in diese Richtung geht. Und André Bauer geht eigentlich in St. Gallen ins Ensemble, wenn man es genau sieht. Natürlich an dem einen Tag mit Bauchschmerzen, an dem anderen geht es gut. Wenn man über sein Ego springt, hat man damit eigentlich überhaupt kein Problem.
Welche Form des Musicals wünschen Sie sich für die Zukunft?
Andre Bauer: Kammermusical. Kleine Produktionen mit hervorragenden Schauspielern und wenig Ausstattung, wo man praktisch ohne große Form von Technik und Effekten die Schauspielkunst und Gesangskunst praktizieren kann. Das ist das, was im Musical gilt.
Viele Ihrer Kollegen schreibt selbst Songs oder gar an einem Musical. Schlummert in Ihnen auch so ein Taltent?
André Bauer: Ja, aber es schlummert noch. (lacht) Es ist noch nicht geweckt. Und da steht auch eigentlich nichts an.
Autor: Stephanie Tatenhorst






