Ethan Freeman erhielt seine musikalische Ausbildung an der Universität im amerikanischen Yale sowie an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien. In den letzten 30 Jahren spielte er zahlreiche Hauptrollen wie die Titelrolle im "Phantom der Oper" in Wien, London, Toronto und Essen. Aber auch Ché in "Evita", Cagliostro in "Marie Antoinette", Kardinal Richelieu in "3 Musketiere", Leopold Mozart in "Mozart!" und die Titelrolle in "Bonifatius" zählen unter anderem zu seinem großen Rollenrepertoire. Aktuell steht er in Hamburg als Kerchak im Musical "Tarzan" auf der Bühne. Im Interview spricht Ethan Freeman über seine neue Rolle, seinen Sohn, das Älterwerden und über das Schreiben von Musicals.
Sie spielen seit Oktober 2011 den Kerchak in "Tarzan". Haben Sie sich gezielt für diese Rolle beworben oder war das eher Zufall?
Ich hatte mich vor zwei Jahren gezielt auf diese Rolle beworben. Als die Rolle jetzt wieder frei wurde, holte man mich in die Show.
Sie kommen aus dem Gesangsfach. Ist eine Show wie "Tarzan" dann nicht unglaublich anstrengend für jemanden, der nicht vom Tanz kommt?
Es kommt darauf an, was man machen muss. Für die Rolle eines reinen Tänzers wäre ich nicht geeignet, und für den Tarzan auch nicht mehr. Aber wenn man über die Jahre die entsprechende körperliche Fitness behalten hat, dann ist eine Show wie "Tarzan" kein Problem. Natürlich sind die Tanzparts mörderisch schwer, aber es klappt.
Was macht "Tarzan" für Sie so interessant? Was können Sie in dieser Show tun, was Sie in anderen Shows nicht können?
Fliegen (lacht), wenn auch nur kurz. Ich habe schon zuvor Tiere auf der Bühne dargestellt. Aber nun als Affe auf der Bühne zu stehen, ist eine sehr ansprechende Aufgabe. Vor allem die Art meiner Rolle reizt mich als dramatischer Schauspieler und Sänger. Kerchak ist stark geprägt durch die Dinge, die in seinem Leben passiert sind. Er ist einerseits sehr stark, andererseits aber auch sehr verletzlich. Diesen Kontrast zu spielen, das Oberhaupt der Sippe zu sein und sie zu beschützen, aber dennoch eine innere Traurigkeit zu besitzen, macht für mich den Reiz aus. Das war eine große Herausforderung für mich.
Ihre Frau ist auch Musicaldarstellerin. Wie lassen sich Musicaljob und Familie unter einen Hut bringen?
Glücklicherweise funktioniert das momentan sehr gut. Meine Frau ist gerade in einem anderen Bereich der Unterhaltungsbranche beschäftigt und spielt keine Ensuite-Produktion. Dadurch haben wir die Möglichkeit, dass wir uns abwechseln können in der Betreuung unseres Sohnes. Wenn er nicht im Kindergarten ist, habe ich auch tagsüber Zeit, um mich mit ihm zu beschäftigen. Abends und am Wochenende kommen mich meine Frau und mein Sohn auch im Theater besuchen - und mein Sohn findet es hier sehr spannend hinter der Bühne unter all den Affen. Für ein kleines Kind ist das natürlich sehr schön, auch wenn ich denke, dass die Show selbst für einen Dreieinhalbjährigen noch etwas zu heftig ist. Zu Hause spielt er Leopard, lässt sich als Affe schminken und schlägt sich wie Kerchak mit den Fäusten auf den Brustkorb. Das ist für so ein Kind alles sehr faszinierend. Und um auf die eigentliche Frage zurückzukommen, hatte ich in den vergangenen Jahren auch immer genug Zeit, um Papa zu spielen, da ich zwischen meinen Engagements viel Zeit hatte.
Die Neue Flora kennen Sie ja schon von Ihrem Engagement bei "Mozart!". Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Haus?
Ich habe viele gute Erinnerungen an dieses Haus und vor allem an die Mitarbeiter, von denen ich viele noch von "Mozart!" kenne. Das war für mich ein bisschen wie eine Heimkehr, als sei ich nach zehn Jahren nach Hause gekommen. Jetzt bei "Tarzan" ist es natürlich anders als damals bei "Mozart!". Wir haben hier einen richtigen Publikumsmagneten, spielen teilweise vor ausverkauftem Haus. Das ist ein Umstand, den wir bei "Mozart!" nicht erleben durften.
Sie haben bereits zahlreiche Hauptrollen in vielen Musicals gespielt. Nun wird auch ein Musicaldarsteller älter, viele jüngere Kollegen rücken nach. Wird es für die Kollegen mit 20 oder mehr Jahren Berufserfahrung nicht auch zunehmend schwieriger, passende Rollen zu finden?
Sagen wir mal so: Ich werde sicher nicht mehr für die Rolle des jungen Helden berücksichtigt (lacht). Für diese Rollen gibt es inzwischen viele gute Leute, die wesentlich jünger sind als ich. Es stimmt, in moderneren Musicals gibt es nicht so viele Rollen für Darsteller, die über 40 oder 50 Jahre alt sind. Aber es gibt diese Rollen, und es gibt auch zeitlose Rollen wie Kerchak, wo es keinen Unterschied macht, ob ein 30- oder 50-Jähriger diese Rolle spielt. Ich persönlich hoffe, dass ich noch lange Zeit interessante Projekte und Rollen für mich finden werde. Und es mag arrogant klingen, obwohl es nicht so gemeint ist - aber es gibt nur wenige Darsteller in meinem Alter, die das leisten können, was ich leisten kann.
Haben Sie eigentlich eine bevorzugte Art von Musical? Spielen Sie lieber große dramatische Rollen als komödiantische? Oder sind Sie generell offen für alle Rollen?
Ich bin grundsätzlich für alle Arten von Musicals offen. Ich liebe zum Beispiel auch Musical-Comedys, was ich in den letzten Jahrzehnten nicht allzu oft spielen durfte. Das hängt aber auch damit zusammen, dass diese Comedys in Deutschland als Großproduktion nicht so funktionieren würden wie sie es in den USA tun. Aber das kann sich ja ändern. Ich denke, dass beispielsweise "Ich war noch niemals in New York" und "Hinterm Horizont" in diese Richtung zielen. Wenn künftig gute Autoren gute Musical-Comedys für das deutsche Publikum schreiben, dann wäre ich gern bei so einer Show dabei. Klar sind dramatische Musicals in den letzten Jahren immer Brot und Butter für mich gewesen. Aber die verkaufen sich auch nicht mehr so leicht. Letztendlich mag ich dramatische Musicals genauso wie komödiantische, und ich finde, dass sich beide Arten auch gut miteinander kombinieren lassen. Am meisten Spaß macht es mir sowieso, wenn ich das Publikum gleichzeitig berühren, amüsieren und unterhalten kann.
Im Ebertbad Oberhausen haben Sie bereits zwei verschiedene Soloprogramme gezeigt. Wie sind Sie an die Handlung oder den roten Faden der Programme herangegangen?
Na ja, ich wollte eben nicht so einen Ich-plaudere-über-mich-selber-und-singe-zwischendurch-Abend machen. Das wird oft genug gemacht. Weil es mehr meiner Bühnenpersönlichkeit entspricht, wollte ich mich in meinem Programm hinter einer Figur verstecken, um das mal ganz krass auszudrücken. Also habe ich für mein erstes Soloprogramm eine Figur erschaffen, die eine Geschichte erlebt und dabei meine Lieblingssongs aus Musicals singt. Die Grundidee zu meinem zweiten Soloprogramm dagegen hatte Andreas Luketa (Geschäftsführer von Sound of Music Concerts, Anm. d. Redaktion). Er wollte gern, dass ich eine Sammlung von Liedern jüdischer Komponisten singe. Dabei gab es auch eine theatralische Note, wobei ich da mehr erzählt als gespielt habe. Es war also völlig anders als mein erstes Soloprogramm.
Mit Ihren Soloprogrammen haben Sie ja bereits bewiesen, dass Sie in der Lage sind, eine eigene Geschichte zu erzählen. Könnten Sie sich auch vorstellen, ein eigenes Musical zu schreiben?
Sagen wir mal so: Ich weiß, wie schwer es ist, ein ganzes Musical zu schreiben. Und ich habe extrem großen Respekt davor. Aber bisher bin ich von einem Stoff noch nicht so sehr angetan, dass ich der Meinung wäre, daraus ein Musical machen zu müssen. Das kann sich natürlich jederzeit ändern. Allerdings darf man solche Projekte nicht egoistisch angehen. Ein gutes Musical ist immer Teamwork, und ich habe es gesehen, wie Leute kläglich gescheitert sind, die alles selber machen wollten. Ein Soloprogramm ist eine andere Geschichte. Aber ein Musical zu schreiben, ist ein riesiges Unterfangen. Ein Stoff müsste mich schon sehr reizen, dass ich mich mit einem Team an ein Musical wagen würde. Ich denke, erst einmal lasse ich die Finger davon. Aber natürlich wäre es trotzdem ein mögliches Projekt für die Zukunft, falls ich keine interessanten Rollen mehr finden sollte. Ich sage: Never say never.
Interview: Dominik Lapp







