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Interview mit Lucius Wolter

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Lucius Wolter genießt es, Musical unter freiem Himmel zu spielen. Foto: Dominik Lapp
Lucius Wolter genießt es, Musical unter freiem Himmel zu spielen. Foto: Dominik Lapp
01.09.2010 Drucken

Der gebürtige Hamburger Lucius Wolter spielt momentan auf der Freilichtbühne Tecklenburg den Tony im Musical "West Side Story". Zuvor stand er in Musicals wie "Elisabeth" (Essen), "Titanic" (Hamburg) und "Rebecca" (Wien) auf der Bühne. Doch auch die Tecklenburger Bühne kennt er bereits, denn dort spielte er einst die Rolle des Ritters Lancelot in "Camelot". Unser Redakteur Dominik Lapp traf Lucius Wolter hinter den Kulissen der "West Side Story" und sprach mit ihm über den Weg vom klassischen Gesang zum Musical, Liebhaberrollen und über das Komponieren von Bühnenwerken.

 

Lucius, du hast schon als Kind im Kinderchor der Hamburgischen Staatsoper gesungen. Lag es da nicht näher, Opernsänger statt Musicaldarsteller zu werden?

Es war teils Zufall und teils geplant, Musicaldarsteller zu werden. Anfangs hatte ich eher an die klassische Richtung gedacht, hatte auch klassischen Gesangsunterricht und bin auch bei dem Wettbewerb "Jugend musiziert" in der Klassik-Sparte aufgetreten. Allerdings habe ich ja in Hamburg gewohnt und bin somit durch "Cats" und "Das Phantom der Oper" auch mit Musicals in Kontakt gekommen. Außerdem war ich auf einem musischen Gymnasium, wo Musicals aufgeführt wurden. Damals habe ich mir immer gewünscht, mal als Raoul im "Phantom der Oper" auf der Bühne zu stehen. Irgendwann kam dann der Zeitpunkt, an dem ich Aufnahmeprüfungen für ein klassisches Gesangsstudium an Hochschulen absolviert habe und mich parallel dazu auch für Auditions bewarb. Letztendlich habe ich aus Köln die Zusage für ein klassisches Gesangsstudium bekommen, gleichzeitig aber auch die Zusage der Stella Academy in Hamburg für eine Musicalausbildung. Und da ich auch schon an Auditions für "Phantom der Oper" in Hamburg und "Elisabeth" in Essen teilgenommen hatte, wurde mir eine Rolle in "Elisabeth" angeboten. Zunächst wusste ich natürlich überhaupt nicht, was ich machen sollte. Aber mein Gesangslehrer riet mir dazu, gleich in den Job zu gehen. Also habe ich mich für das Engagement in Essen entschieden und bin durch Learning by Doing weitergekommen.

 

Neben deiner Bühnentätigkeit arbeitest du auch als Komponist und Korrepetitor...

...im Moment aber eher als Korrepetitor. Also ich begleite Kollegen am Klavier und übe mit ihnen Stücke ein. Kompositorisch arbeite ich nur so für mich.

 

Also hobbymäßiges Komponieren?

Ja, genau. Bis jetzt habe ich noch nichts veröffentlicht. Ein paar Ideen schwirren mir natürlich im Kopf, aber nichts Konkretes.

 

Gehen deine Ideen denn in den Bereich eines ganzen Bühnenstücks oder sind es vielmehr einzelne Songs?

Das geht in den Bereich eines Bühnenstücks. Es gibt ein paar Bücher, die ich sehr interessant finde. Aus denen könnte man sicherlich was machen. Auch ein paar Opern finde ich super für eine Adaption. Wobei ich es bei Opern schon schwieriger finde als bei Büchern. Die Leute kennen die Oper und die Melodien daraus schon. Und auf dieser Basis ein neues Stück zu schreiben und andere davon zu überzeugen, ist ziemlich schwer.

 

Du spielst nicht nur in Musicals, sondern singst auch im klassischen Bereich. Welcher dieser beiden Bereiche liegt dir mehr am Herzen?

Wenn man im Musical spielt, ist es natürlich sehr schwer, die Klassik noch zu betreiben. Gerade durch die moderneren Musicals mit Elementen aus Rock und Pop. Ich habe inzwischen auch aufgegeben, aus meiner Stimme eine Rockstimme zu machen. Das wäre Quatsch, es gibt ja nun mal zwei Sparten. Insgesamt sehe ich mich auch weiterhin eher im Musicalbereich. Was ich im klassischen Bereich sehr mag, ist Liedgesang. Das ist wunderschön, aber da gehört sehr viel Training dazu und damit kann man auch kein Geld verdienen. Liedgesang mag ich eher privat, also entweder hören oder mich selber dazu am Klavier begleiten.

 

Die Rolle des Tony in der "West Side Story" spielst du nach deinem Engagement im schweizerischen Thun nun auch in Tecklenburg. Konntest du die Rolle in Tecklenburg trotzdem neu erarbeiten oder ist dein Tecklenburger Tony im Grunde der gleich wie in Thun?

Ich habe auf Thun aufgebaut. Ich glaube, es ist immer schwer, eine Rolle neu zu erfinden, wenn man sie schon mal gespielt hat. Man bringt ja schließlich die ganzen Erfahrungen aus der vorherigen Produktion mit. Natürlich habe ich trotzdem versucht, frisch an die Rolle ranzugehen. Ich habe in Tecklenburg ja auch andere Spielpartner als in Thun. Mit Leah Delos Santos habe ich hier zum Beispiel eine neue Maria, von der ich auch Sachen übernehme, wenn sie mir gefallen. Auch stimmlich mache ich jetzt ein paar Dinge ganz anders als damals. Selbstverständlich habe ich mich weiterentwickelt, aber ich kann nicht sagen, dass ich die Rolle jetzt komplett anders anlege.

 

Was sind denn für dich die größten Unterschiede zwischen den Inszenierungen in Thun und Tecklenburg?

Erst mal der Ort. Die Bühne in Thun ist sehr frei, wodurch es schwer war, die Figuren zu zentrieren. Der See, der um die Bühne verläuft, und die Berge im Hintergrund haben eventuell etwas von der Geschichte abgelenkt. Da hat es der Zuschauer in Tecklenburg sicherlich einfacher. Ein sehr großer Unterschied ist zudem, dass wir in Thun mit In-Ear-Monitoring gearbeitet haben, also das Orchester über Kopfhörer immer direkt auf dem Ohr hatten. In Tecklenburg arbeiten wir zum Glück mit normalem Monitoring. In-Ear-Monitoring ist zwar bei Rockkonzerten Standard, aber für Bühnenstücke ungeeignet, weil man einen Knopf im Ohr hat und nicht erkennen kann, aus welcher Richtung der  Bühnenpartner zu einem spricht. Außerdem muss man zwei Sender am Körper haben, die auch mal ausfallen können. Das ist mir in Thun einmal passiert während meines Songs "Maria", und so musste ich den Titel und anschließend auch noch das Duett "Tonight" praktisch a-capella singen. Insofern ist es schon besser, dass wir in Tecklenburg mit einem herkömmlichen Monitoring über Lautsprecher arbeiten.

 

Musstest du für die Tecklenburger "West Side Story" eigentlich noch an einer Audition teilnehmen oder hat dich Helga Wolf (Regisseurin des Stücks in Thun und Tecklenburg) einfach aus Thun mit nach Tecklenburg gebracht?

Nee (lacht), das war ein ganz normales Vorsingen, das im Oktober 2009 in Berlin stattfand. Helga Wolf war nicht mal dabei. Von den Freilichtspielen waren Radulf Beuleke (Intendant) und Tjaard Kirsch (Musikalischer Leiter) dabei. Ich musste sogar tanzen (lacht). Später haben sie dann gesagt, dass es eigentlich Blödsinn war, dass ich beim Tanzen war. Das brauche ich für die Rolle ja gar nicht, aber ich habe zwei Stunden mutig die Choreografien mitgemacht.

 

Was ist denn für dich das Besondere an einer Open-Air-Aufführung?

Ganz viel. Es ist schon mal was ganz, ganz anderes, weil es zu Beginn der Vorstellung noch hell ist und man als Darsteller die Zuschauer von der ersten bis zur letzten Reihe sehen kann. Das kann man in einem Theater natürlich nicht, weil es da so dunkel ist, dass man gerade mal die ersten Reihen sieht. Dazu ist man auf einer Freilichtbühne natürlich dem Wetter gnadenlos ausgesetzt. Manchmal ist es ganz schön, manchmal auch nicht, so wie vor ein paar Tagen, als wir hier auf der Bühne fast Katastrophenalarm hatten, weil es so stark regnete. Aber wir haben trotzdem gespielt, und das sogar fast bis zum Ende. Dafür hat man bei schönem Wetter ganz unbeschreibliches Licht, gerade wenn die Sonne untergeht. Das ist bei den passenden Nummern wirklich sehr schön. Es kann aber auch vorkommen, dass man beim Singen mal eine Fliege verschluckt. In Thun ist es mir mal passiert, dass ich einen riesigen Falter verschluckt habe und fast nicht weitersingen konnte (lacht). Aber ansonsten ist es echt schön, unter freiem Himmel zu spielen. Gerade an der freien Natur berührt es noch mehr.

 

Denkst du, dass die "West Side Story" noch immer ein aktuelles Thema bedient, auch wenn das Stück schon etwas älter ist?

Ganz sicher! Ich finde es schon immer erstaunlich, wenn ich Dinge lese, die 200 Jahre alt und noch immer aktuell sind. Gerade "West Side Story" und deren Vorlage "Romeo und Julia" sind das nach wie vor. Es kommt natürlich auch darauf daran an, wie so ein Stück kommuniziert wird. Man kann "West Side Story" musikalisch nicht mit Musicals wie "Rent" oder "Next to Normal" vergleichen. Auch textlich ist "West Side Story" vielleicht nicht ganz aktuell, eher etwas kitschig. Aber das liegt eventuell auch an der deutschen Übersetzung. Im Grunde bedient diese Show aber durchaus aktuelle Themen: Liebe und Gewalt.

 

Dein Rollenrepertoire ist breit gefächert. Genießt du die Abwechslung, mal historische und mal moderne Rollen zu spielen?

Klar, es ist toll, so viele verschiedene Rollen zu spielen. Ich habe jetzt viele Liebhaber gespielt: Marius ("Les Misérables"), Raoul ("Das Phantom der Oper") und Tony ("West Side Story"). Da ist es schön, wenn man älter wird und langsam in andere Rollen übergeht. Ich hatte zum Beispiel sehr viel Spaß daran, den Jesus in "Jesus Christ Superstar" zu machen. Für den Maxim de Winter in "Rebecca" war ich natürlich noch zu jung und habe ihn trotzdem gespielt. Aber ich hatte genug Zeit, mich in dieser Rolle zu entwickeln. Ich bin an dieser Rolle gewachsen und habe eigene Wege finden können. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Es war für mich sehr belohnend, den Maxim und nicht nur einen jungen Liebhaber spielen zu dürfen.

 

Wie geht es nach der "West Side Story" in Tecklenburg beruflich für dich weiter?

Als nächstes spiele ich die Rolle des Barons in dem Musical "Grand Hotel" im Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Das ist eine sehr interessante Rolle. Zwar in der Art auch ein junger Liebhaber, aber eben ein Baron, der pleite ist, sich in eine ältere Balletttänzerin verliebt und am Ende erschossen wird, weil er jemanden beklaut. Eine interessante Geschichte und sehr, sehr schöne Musik von Maury Yeston.

 

Text: Dominik Lapp

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Lucius Wolter als Tony in "West Side Story". Foto: Dominik Lapp
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Lucius Wolter mit seiner Bühnenpartnerin Leah Delos Santos. Foto: Dominik Lapp
Artikel vom 01.09.2010    |    Musicalmagazin    |    Startseite
Thema:  interview  lucius  wolter  musical 
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