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Interview mit Marc Clear

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Marc Clear wechselte vom Opernfach zum Musical. Foto: Dominik Lapp
Marc Clear wechselte vom Opernfach zum Musical. Foto: Dominik Lapp
03.10.2011 Interview

Marc Clear ist ausgebildeter Opernsänger, hat sich aber seit vielen Jahren sehr erfolgreich dem Musical verschrieben. Er spielte Hauptrollen in Musicals wie "3 Musketiere", "Marie Antoinette", "Jekyll & Hyde" und "Aida". Im Sommer 2010 gab er sein Debüt als Regisseur mit einer gefeierten Inszenierung von "3 Musketiere" in Tecklenburg. Ein Jahr später inszenierte er dort "Jesus Christ Superstar". Im Interview mit thatsMusical spricht Marc Clear über seinen Berufsweg, die Problematik der Oper, Musical-Rotationen und die Entwicklung der Musicalszene.

Marc, du kommst ursprünglich von der Oper. Wie kam es zu diesem Berufswunsch?

Das war ein Zufall, da ich am Konservatorium ursprünglich Schulmusik studiert habe. Irgendwann fand ich dann heraus, dass ich auch singen kann. Ich habe zwar immer schon gesungen, aber nie ernsthaft darüber nachgedacht, das Singen zu meinem Beruf zu machen. Am Konservatorium habe ich immer mehr gesungen, habe auch in Chören gesungen und gemerkt, dass ich die Möglichkeit habe, mit meiner Stimme professionell zu arbeiten. Also habe ich im Hauptfach klassischen Gesang studiert. Nach und nach hat es sich dann ergeben, dass das Singen zu meinem Beruf wurde.

Später folgte der Wechsel von der Oper zum Musical. Warum der Sinneswandel?

Das war auch eher ein Zufall. Ich war als freiberuflicher Sänger in Dänemark und hatte dort zu dem Zeitpunkt nicht so viele Engagements. Irgendwann kam dann eine Anfrage von einem Theater in Kopenhagen für "Das Phantom der Oper". Also habe ich die Chance genutzt und in Kopenhagen Piangi und das Phantom gespielt. Anschließend habe ich dort noch ein weiteres Stück gespielt und gemerkt, dass mir Musical liegt. Vor allem gefiel mir dabei aber, dass man im Musical schauspielerisch mehr gefordert ist als in der Oper. Das hat mich sehr gereizt. Auch weil ich im Musical mit der Stimme differenzierter umgehen kann. So kam ich dann irgendwann nach Deutschland – damals noch unter der Stage Holding, später dann Stage Entertainment.

Du sagst, im Musical bist du schauspielerisch mehr gefordert als in der Oper. Denkst du, dass das vielleicht sogar ein Problem der Oper ist, dass der Fokus auf dem Gesang liegt? Wäre es nicht Zeit, die Oper zu reformieren und neue Wege zu gehen?

Ich bin der Meinung, dass eine viel größere Problematik dahintersteckt. Natürlich liegt der Fokus in der Oper auf dem Gesang, der Musik und dem Orchester. Opernsänger gehen auf die Bühne und singen mit viel Ausdruck. Aber sie drücken sich eben auch vor allem mit ihrer Stimme aus, weniger mit Schauspiel. Ein Problem ist aber auch, dass in der Oper nicht immer typgerecht besetzt wird. Da spielen teilweise Leute nebeneinander, die überhaupt nicht zueinanderpassen. Und ich denke, dass es ein Problem ist, dass viele Regisseure und Theater der Meinung sind, Opern modern inszenieren zu müssen. Sie verlegen Opern in eine andere Zeit und verbinden sie mit sozialkritischen oder provokativen Elementen. Das ist sicher auch ein Grund dafür, warum das Opernpublikum immer öfter fernbleibt. Viele Leute wollen eben eine Oper sehen, die in der Zeit spielt, die der Komponist dafür vorgesehen hat. Die Leute wollen beispielsweise ein Schloss und alte Kostüme sehen und in die damalige Zeit entführt werden. Leider passiert das auf der Bühne aber nicht mehr oft. Wer allerdings provokative oder sozialkritische Sachen sehen möchte, schaut vielleicht besser die Nachrichten.

Nach deinem Wechsel von der Oper zum Musical folgte später erneut ein Wechsel: Vom Musicaldarsteller zum Regisseur. Geplant oder auch eher Zufall?

Auch das war Zufall. Ich habe 2009 in Tecklenburg bei "Evita" und "Aida" gespielt. Zu dem Zeitpunkt hatte Radulf Beuleke, der Intendant der Freilichtspiele, schon den Gedanken, im folgenden Jahr "3 Musketiere" aufzuführen. Da ich schon mehrere Jahre in diesem Stück mitgespielt hatte, lag es auf der Hand, dass ich auch in Tecklenburg dabei sein sollte. Also habe ich ein Regiekonzept für das Stück vorgelegt und gefragt, ob ich "3 Musketiere" in Tecklenburg inszenieren darf. So wurde ich letztendlich als Regisseur engagiert. Und die Regiearbeit macht mir großen Spaß.

Musicaldarsteller oder Regisseur zu sein, ist die eine Sache. Aber als Musicaldarsteller in einer Produktion zu spielen, die man gleichzeitig auch als Regisseur betreut, dürfte nicht ganz einfach sein. Was sind die Vor- oder Nachteile dabei?

Das ist in der Tat nicht immer einfach. Ein Nachteil ist auf jeden Fall, dass es für mich als Regisseur sehr aufwändig ist, immer hin- und herzuspringen. In Tecklenburg versuche ich deshalb auch kleinere Rollen zu übernehmen, damit ich nicht andauernd auf der Bühne sein muss. Als Regisseur muss ich das Geschehen ja nun mal von außen sehen. Ein Vorteil ist, dass ich eine Produktion dauerhaft begleiten kann. Als Regisseur ist meine Arbeit mit dem Tag der Premiere ja eigentlich beendet. Bin ich aber gleichzeitig auch Darsteller in dem Stück, kann ich die Produktion weiterhin begleiten. In Tecklenburg übernehme ich dann zum Beispiel die Abendspielleitung und mache mit den Mitwirkenden auch Kritik-Sessions, um eine konstante Qualität gewährleisten zu können.

Wie gehst du als Regisseur an ein Stück heran?

Ich bin ein sehr bildlich denkender Mensch. Ich habe sofort Bilder im Kopf, wie ich bestimmte Sachen gestalten möchte. "3 Musketiere" und "Jesus Christ Superstar" sind ja zwei ganz unterschiedliche Stücke, und deshalb habe ich sie auch ganz unterschiedlich inszeniert. "3 Musketiere" spielt sich fast von selbst, weil es aus so vielen Elementen besteht. Das Stück bietet Action, Humor, Emotionen - da ist alles drin. Man muss diesem Stück nur eine Struktur geben. Dagegen ist “Jesus Christ Superstar“ viel schwieriger, weil ich als Regisseur selbst eine Vorstellung von dem Stück haben muss. Ich muss dabei die Thematik des Stücks im Kopf haben - was ich bei anderen Stücken auch haben muss - und darf nicht daran denken, wie viele Menschen vor mir dieses Musicals schon inszeniert haben. Davon musste ich mich erst einmal völlig freimachen. Mir war bewusst, dass ich mit diesem Stück keine neuen Maßstäbe setzen konnte. Aber ich hatte Platz für eigene Ideen und konnte es so auf die Bühne bringen, wie ich es mir vorgestellt habe.

Die großen Musicalproduktionen haben zunehmend mit leeren Häusern zu kämpfen. Was muss sich in diesem Konstrukt ändern, damit die großen Musicaltheater wieder besser besucht sind?

Ich finde zunächst mal das Konzept fraglich, ein Musical sieben- bis achtmal pro Woche zu spielen. Das macht es unglaublich schwer, ein Theater zu füllen. Ein weiteres Manko sind die Ticketpreise. Wenn ich sehe, dass bei Neuproduktionen ein Ticket um die 130 Euro kostet, frage ich mich ernsthaft, was solche Preise rechtfertigt. Wenn eine vierköpfige Familie zu solchen Preisen ins Musical geht, ist ein halber Monatslohn weg. Aber die Zuschauer merken inzwischen auch, dass sie für ein Musical nicht mehr bis nach Stuttgart oder Hamburg fahren müssen, weil die Stadttheater im Musicalbereich nämlich aufholen. Man kann beispielsweise auch in Städten wie Bielefeld und Leipzig gute Musicals sehen.

Und wie findest du es, dass die Stadttheater das Musical mittlerweile auch immer mehr für sich entdecken?

Ich finde es toll, dass Stadttheater und kleinere Theater Musicals als vierte Sparte in den Spielplan nehmen. Für diese Häuser ist eine Musicalsparte unglaublich ergiebig, und damit meine ich nicht mal unbedingt den finanziellen Bereich. Mit Musicals erreichen diese Theater nämlich ein Publikum, das sie mit ihren anderen Sparten vielleicht nicht erreicht hätten.

In Deutschland erleben wir seit Jahren die Rotation von Musicalproduktionen. Wie nimmst du das als Musicaldarsteller, der gern neue Rollen spielen möchte, eigentlich wahr?

Wenn man jung ist, hat man sicher noch den Drang, in Musicals wie "Tanz der Vampire" mitzuspielen, die schon seit Jahren laufen und schon in etlichen Städten zu sehen waren. Für die jungen Darsteller mag das ganz gut sein. Die gehen dort ins Ensemble, lernen ihr Handwerk und bekommen Rollen angeboten, wenn sie gut sind. Ich finde, für junge Leute ist das eine gute Schule. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass der Markt irgendwann mal ins Leere laufen wird. Es müssen wieder neue Themen und sehr gute Komponisten kommen. Im Ausland passiert das viel häufiger als in Deutschland. In New York und London kommen alle paar Monate neue Musicals raus. Das finde ich super. Allerdings haben die Musicals im englischsprachigen Raum nicht immer Themen, die auch in Deutschland funktionieren. Hierzulande sind Michael Kunze und Sylvester Levay natürlich sehr verlässliche Autoren, Wildhorn ebenfalls. Aber ich finde, es müsste auch hier mal eine neue Thematik kommen. Allein aus den vielen historischen Vorlagen, die es gibt, ließen sich ganz sicher noch viele wunderbare Musicals machen.

Was denkst du denn, in welche Richtung sich das Musical im deutschsprachigen Raum entwickeln wird?

Über die weitere Entwicklung kann ich momentan nicht so viel sagen. Aktuell nimmt man ja gern einen bekannten Sänger, seine ganzen Platten und macht daraus ein Musical. Das Problem dabei ist, dass die Handlung sehr schnell sehr dünn wird. "Mamma Mia!" finde ich da sogar noch ganz gelungen, und auch "Hinterm Horizont" und "Ich war noch niemals in New York" haben sicher eine Daseinsberechtigung. Ich bin aber der Meinung, dass das Musicals sind, in deren Richtung sich die deutsche Musicalszene nicht weiterentwickeln sollte.

Interview: Dominik Lapp

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Marc Clear als Pontius Pilatus in "Jesus Christ Superstar". Foto: Dominik Lapp
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Marc Clear als Athos in "3 Musketiere". Foto: Dominik Lapp
Artikel vom 03.10.2011    |    Musicalmagazin    |    Startseite
Thema:  marc  clear 
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