Die Zeitschrift "musicals" feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Was 1986 als dünnes Schwarzweiß-Heft mit nur 32 Seiten unter dem Titel "Das Musical" begann, hat sich mittlerweile zu einem viel beachteten Fachmagazin entwickelt. Aus Anlass des Jubiläums spricht "musicals"-Chefredakteur Gerhard Knopf über die Geschichte der Zeitschrift und die Entwicklung der Musicalszene.
Aus welcher Intention heraus haben Sie 1986 die Zeitschrift "musicals" ins Leben gerufen?
Die Idee zu einer Musical-Fachzeitschrift entstand anlässlich einer Reise nach New York, denn es gab damals so gut wie keine Möglichkeit, sich ein detailliertes Bild von den einzelnen Musicals zu machen. Konkret wurde das Vorhaben dann nach der Rückkehr und dem Besuch mehrerer Shows am Broadway: Das frische erworbene Wissen sollte auch anderen Theaterbegeisterten hierzulande zugänglich gemacht werden, aber die Anfragen bei zahlreichen deutschen Tageszeitungen, ob Interesse an einem Artikel über die aktuelle Broadway-Musicals bestehen würde, wurden allesamt abgelehnt, meist mit dem Hinweis auf die eigenen Korrespondenten in New York, die angeblich über alle wichtigen Broadway-Produktionen berichten würden. Dass dem aber nicht so war, hatten wir ja gerade ganz aktuell am eigenen Leib erfahren. Ab da war es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Entschluss, ein eigenes Magazin zum Thema Musical auf die Beine zu stellen – man sollte sich endlich auch im deutschsprachigen Raum über das internationale Musicalgeschehen informieren können und selbstverständlich auch darüber, was sich hierzulande tut.
Die "musicals" war viele Jahre die einzige Möglichkeit, sich in deutscher Sprache über das internationale Musicalgeschehen zu informieren. War es in einem Zeitalter ohne Internet nicht wahnsinnig schwierig, Rezensenten in New York, London oder Japan zu finden? Wie haben Sie das angestellt?
Es war sicher nicht so einfach wie heute, aber dank der auf Musicals spezialisierten Fachgeschäfte Footlight Records in New York und Dress Circle in London gab es in diesen wichtigen Zentren perfekte Anlaufstellen, über die wir entsprechende Kontakte knüpfen konnten. Nach und nach erhielten wir dann aber auch Anfragen bezüglich einer Mitarbeit, zum Beispiel aus Japan.
In den vergangenen 25 Jahren hat sich in der deutschen Musicalszene viel verändert. Wie würden Sie diese Veränderungen zusammenfassen?
Das Magazin profitierte anfangs natürlich nicht unerheblich durch den damals einsetzenden Musical-Boom: Eigene Theater wurden gebaut, es herrschte eine Art Goldgräberstimmung und ausgehend von "Cats", "Phantom der Oper" und "Starlight Express" hielten viele Produzenten die Musical-Großproduktionen für Gelddruckmaschinen. Erfolg schafft bekanntlich immer Nachahmer und so wuchs das Angebot beträchtlich, bis irgendwann klar wurde, dass es doch nicht so viele Stücke gibt, die das Zeug haben, jahrelang das Publikum in Scharen anzuziehen. Damals musste das Publikum noch kreuz und quer durch die Republik "zum Musical" fahren, heutzutage rotieren die meisten Shows und die Erwartungen an die Laufzeiten der einzelnen Stücke sind realistischer geworden.
Wunderbar ist, dass Musicalproduktionen mittlerweile ein fester Bestandteil der deutschsprachigen Theaterlandschaft geworden sind, auch wenn, was die Risikobereitschaft bei der Auswahl der Stücke angeht, sicher noch Spielraum nach oben ist – insbesondere an den subventionierten Repertoiretheatern, von denen aber immerhin einige wirklich großartige Musical-Produktionen auf die Beine stellen.
Und dass sich die Musical-Ausbildung im deutschsprachigen Raum fest etabliert hat, ist auch ein Segen für alle Musical-Besucher – die Zeiten, in denen sich auf der Bühne Heerscharen anglo-amerikanischer Darsteller mehr schlecht als recht mit der deutschen Sprache abmühten, gehören wohl endgültig der Vergangenheit an.
Gab es in den vergangenen 25 Jahren Situationen, die Ihnen als Chefredakteur die Schweißperlen auf die Stirn trieben? Wenn ja, welche waren das?
Es ist ja noch gar nicht so lange her, da konnte man noch nicht via E-Mail oder per Download Produktionsfotos eines Broadway-Musicals bekommen, sondern man war darauf angewiesen, dass richtige Papierfotos oder Dias zum Beispiel aus New York per Briefpost geschickt wurden – und gerade in den ersten Jahren war für die dortigen Pressebüros, die für die einzelnen Shows zuständig waren, ein deutsches Musicalmagazin doch recht weit entfernt. Es war also mitunter schon etwas nervenaufreibend, bis das Material, das wir brauchten, endlich in München auf dem Schreibtisch lag.
So richtig Schweißperlen auf der Stirn treibt es mir aber eigentlich erst dann, wenn eine Ausgabe druckfrisch vorliegt und im Druck etwas daneben gegangen oder uns ein blöder Fehler unterlaufen ist, den vorher beim Korrekturlesen niemand bemerkt hat. Ein Highlight diesbezüglich war Heft 72, die August/September-Nummer 1998, die wir auf dem Cover irrtümlicherweise auf 1997 zurückdatiert hatten. Da gab es übrigens Leser, die allen Ernstes einen Nachdruck der Ausgabe mit der korrekten Jahreszahl forderten – ein Wunsch, den wir allerdings nicht erfüllen konnten.
Was ist Ihre schönste Erinnerung aus 25 Jahren "musicals"?
"Die" schönste Erinnerung gibt es nicht, aber sehr schöne Erinnerungen natürlich schon, etwa als uns August Everding, der damals wohl einflussreichste deutsche "Theatermann", zu unserem Entschluss, ein Musicalmagazin zu gründen, beglückwünschte und sich spontan anbot, ein Geleitwort für die Erstausgabe zu schreiben. Oder die erste persönliche Begegnung mit Andrew Lloyd Webber anlässlich einer Produktion von "Song & Dance" im Deutschen Theater München. Und der Anruf aus Miami von Marcel Prawy, der in den 1950/60er Jahren das Musical nach Wien gebracht hatte, um sich für unser Interview mit ihm und die gute Arbeit zu bedanken, bleibt natürlich auch im Gedächtnis.
Eine nicht alltägliche Begegnung hatten wir, als wir 1988 anlässlich der Deutschlandpremiere von "Starlight Express" ein Sonderheft produzieren wollten, das auch im Bochumer Starlight-Theater zum Verkauf angeboten werden sollte. Da das Magazin ja den Merchandising-Produkten Andrew Lloyd Webbers Really Useful Company Konkurrenz machen könnte, mussten wir persönlich in London bei der Marketingabteilung vorsprechen und unser Konzept präsentieren. Am Eingang wurden wir von einem netten jungen Mann begrüßt, der uns zu unserem Termin führte, uns mit Kaffee bewirtete und auch während des gesamten Gesprächs anwesend war. Einige Tage später bekamen wir dann einen Brief aus London mit der Erlaubnis, das Sonderheft zu produzieren – unterschrieben von Edward Windsor, besser bekannt als Prinz Edward, der zu dieser Zeit bei der Really Useful Company arbeitete und der als Produktionsassistent von "Starlight Express" unser Projekt als Sonderaufgabe zugeteilt bekommen hatte.
Interview: Dominik Lapp







