Der Fluch der Menschheit, dass Gut und Böse einen ewigen Kampf in uns führen müssen, hat Leipzig erreicht. In der 527 Zuschauer fassenden Musikalischen Komödie, dem Kleinen Haus der Oper Leipzig, steht Marc Clear erstmals in der Doppelrolle von Henry Jekyll und Edward Hyde auf der Bühne. Cusch Jung, der "Jekyll & Hyde" bereits 2007 auf der Freilichtbühne in Tecklenburg inszenierte, zeichnet auch in Leipzig als Regisseur verantwortlich.
Dabei geht Jung kein Risiko ein und zeigt in Sachsen seine fast eins zu eins adaptierte Tecklenburger Inszenierung, was vor allem in den Bewegungsabläufen der Massenszenen wie "Fassade" und "Mörder" erkennbar wird. Allerdings steht ihm in Leipzig nicht solch ein spielfreudiger und stimmstarker Chor wie in Tecklenburg zur Verfügung, so dass die genannten Szenen durch die emotionslose Masse stark verlieren. Auch die Konfrontation zwischen Jekyll und Hyde bietet keine inszenatorische Überraschung: Hyde wird von unten grün und Jekyll von oben weiß angestrahlt, genauso wie in fast jeder anderen Inszenierung des Wildhorn-Musicals.
Auch den Song "Mädchen der Nacht" hat Cusch Jung in Leipzig wie schon in Tecklenburg vom ersten in den zweiten Akt verlegt. Während in Tecklenburg die tote Lucy zu diesem Lied mit einem Karren über die Bühne transportiert wurde, geschieht dies in Leipzig jedoch mittels eines fahrbaren Betts. Schön an der Leipziger Aufführung ist, dass Jung erneut werkgetreu und zeitgemäß inszeniert hat. Schade dagegen ist, dass er dabei keinerlei Risiko eingegangen ist. Eine Szene gibt es jedoch, in der er etwas Neues ausprobiert hat, damit aber eine Frage beim Publikum offen lässt: Was um alles in der Welt haben tanzende, in Lack und Leder gekleidete, Männer in einem Bordell des 19. Jahrhunderts zu suchen?
Das Bühnenbild von Karin Fritz wird der Inszenierung gerecht und lässt mit einfachen Mitteln das viktorianische London entstehen. Hauptelement der Bühne sind mobile Häuserfassaden, ergänzt durch Jekylls Labor, das von rechts auf die Bühne manövriert wird, und sein Büro, das am linken Bühnenrand fest installiert ist. Durch kleinere fahrbare Elemente verwandelt sich die Szenerie zügig in weitere Schauplätze wie das Bordell und Lucys Zimmer. Das viktorianische London spiegelt sich zudem gelungen in den aufwändigen und sehenswerten Kostümen von Sven Bindseil wider.
Teilweise gruselig ist die Akustik in der Musikalischen Komödie. Trotz der Unterstützung durch Mikroports werden die Solisten immer wieder vom Orchester übertönt. Selbst der große Chor geht in den Klängen des von Stefan Diederich bestens dirigierten Orchesters fast unter, so dass auch die Textverständlichkeit erheblich leidet und oft nur ein wirres Kauderwelsch zu verstehen ist. Während Orchester und Sänger normalerweise zu einer Einheit verschmelzen, wirkt es in Leipzig eher wie ein Kampf zwischen Stimmen und Instrumenten - angeheizt von einem Schlagzeug, das sich eher schlecht als recht in das Orchester integriert.
Die anspruchsvolle Titelrolle gilt als eine der schwierigsten Musicalrollen, doch Marc Clear liefert eine solide Leistung ab. Er beginnt das Stück mit einem sehr emotional gesungenen "Ich muss erfahr'n", steigert sich bei "Dies ist die Stunde" und glänzt mit expressiver Stimme bei der Nummer "Dies Gefühl, so lebendig zu sein". Schauspielerische Höhepunkte setzt er vor allem als wahnsinnig anmutender Hyde in Szenen wie "Mörder" und "Gefährliches Spiel", während er mit seiner Interpretation der "Konfrontation" zu Höchstleistungen aufläuft.
Marysol Ximénez-Carillo als Lucy und Corinna Ellwanger als Lisa sind die beiden Damen an Clears Seite. Während Ximénez-Carillo schauspielerisch wie gesanglich als verruchte, aber innerlich verletzte und verletzliche Prostituierte überzeugt, ist Ellwanger in ihrer Rolle recht blass. Gesanglich steigert sie sich zwar vom ersten zum zweiten Akt, doch schauspielerisch bleibt sie hinter Clear und Ximénez-Carillo zurück. In den Rollen von Simon Stride und Spider ist Joel Kirby zu sehen, der vor allem als Zuhälter Spider überzeugen kann. Ebenfalls solide agieren Karl Zugowski als Sir Danvers, Ullrich Graichen als Poole und Alexander Voit als Utterson.
Cusch Jungs Inszenierung von "Jekyll & Hyde" dürfte sowohl für das Theater als auch für die Zuschauer eine sichere Bank sein. Zwar gibt es keine großen Überraschungen, somit aber auch keine großen Enttäuschungen. Insgesamt bietet das Stück in Leipzig gute Unterhaltung zu verhältnismäßig günstigen Preisen. Am Sound darf allerdings noch nachgebessert werden.
Text: Dominik Lapp







