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Mädchenklischees: "Heiße Zeiten" im St. Pauli Theater Hamburg

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Foto: Dominik Lapp
Foto: Dominik Lapp
07.10.2011 Rezension

REZENSION | Der erste Gag des Abends gehört der Band: Perückt mit blonden Pagenfrisuren und im hellblauen Stewardessendress betritt sie die Bühne und gibt schnipsend eine A-cappella-Version von "Fly me to the Moon" zum Besten. Dabei bleibt es aber nicht, und die Musiker sind keine bloße Staffage, keine organische Erweiterung des Bühnenbildes, sondern helfen gleich mal den Protagonistinnen des Abends beim Check-in.

Da ist die nymphomane Karrieristin (April Hailer), die ihren Liebhaber im Bett und ihre Geschäftsunterlagen auf der Kommode zurückgelassen hat. Ihre Freundin (Natascha Petz), die sie zufällig wiedertrifft, möchte nach Jahrzehnten des Hausfrauendaseins endlich einmal Zeit für sich haben. Ein schwarzes Schaf im Reigen der Ü-50er gibt es auch (Anna Bolk), die mit ihren 39 Jahren die eigene biologische Uhr einholen und einer künstlichen Befruchtung entgegenreisen will. Auch wenn noch vor der ersten Nummer mit dem gemeinsamen Toilettengang eines der beliebtesten Mädchenklischees bedient, auch wenn erbarmungslos und kollektiv in die Handys gezetert wird, nur um dann unisono "Ich bin nicht hysterisch!" zu konstatieren: Sie alle teilen anfangs vermeintlich nicht viel, zumindest aber zweierlei: Wechseljahre und einen verspäteten Flieger.

Nicht zu vergessen das Fräulein Etepetete (Ines Martinez), welches zwar gleich zu Beginn und zu den Klängen von "We don't need another Hero" Contenance statt Eskapaden einfordert, sich selbst dann aber nur Momente später Röcke raffend einen unfeinen Ausbruch gönnt: "Alles hat seinen Preis!"

In diesem Auftritt zeigt sich schon das Alleinstellungsmerkmal des Librettos (Liedtexte: Bärbel Arenz): Fast müsste man übelnehmen, dass kein Gassenhauer zu abgenudelt ist, um nicht rücksichtslos verbraten zu werden. Aber aus dem Finalsong "It's raining Men" wird eben kein "Männerregen", sondern "Wir heben ab". Die Aussage von "Stand by your Man" wird gar komplett auf den Kopf gestellt ("Steh auf und renn"), statt "What a Feeling" gibt es "Depressionen". Die Ursprungsbedeutung hallt als Echo nach, bildet den musikalischen Subtext, während die textliche Übertragung sie noch überhöht, indem sie Stellung bezieht: zustimmend, ironisierend, konterkarierend. So wird aus einem billigen Effekt ein gekonnter Kunstgriff.

Die darstellerische und gesangliche Leistung (Musikalische Leitung: Jan Christof Scheibe) tut ihr Übriges. Schweißtreibende Kraftmeierei sucht man vergebens, stattdessen dürfen die Fluggäste den Facettenreichtum ihrer Stimmen in allen Nuancen ausloten. Und so kommen eben auch der Schmelz eines "All by myself" ("Ich bleib sein Kind") und die Brillanz eines "Everlasting Love" viel besser zur Geltung - Letzteres zweifellos einer der Höhepunkte des Abends.

Ein anderer findet sich gleich zu Beginn des zweiten Aktes: Kein Geringerer als Michael Jacksons "Thriller" ("Zombiezeit") steht Pate für eine Auseinandersetzung mit Bauch, Beine, Po und den dazugehörigen schönheitschirurgischen Nachbesserungen. Hier zieht Choreografin Susanne Hayo alle Register, und das Publikum geht begeistert mit, denn: "Jeder tanzt ihn, den Tanz der Eitelkeit". Identifikation ist ohnehin das magische Schlüsselwort des Abends. Ob es um das Bemuttern des daheimgebliebenen Ehemanns geht, Harninkontinenz, Apothekenumschau und Bäckerblume, ob die blauen Pillen ins Spiel kommen ("Hokus Pokus Testoronus") oder "verknüttelte Einlagen": All das wird zotig dargeboten und im Zuschauersaal mehr als dankbar aufgenommen. Auch wenn es dabei oft genug nicht nur über die Wolken geht, sondern bis an die Grenzen des guten Geschmacks: Genau so gehört es sich.

Nachdem das Boarding dann doch noch beginnt, das große Happy-End heraufdämmert und "Fly me to the Moon" die musikalische Klammer der Darbietung setzt, hebt auch das Publikum ab: Standing Ovations für eine heiße Zeit.

Text: Jan Hendrik Buchholz

Artikel vom 07.10.2011    |    Musicalmagazin    |    Startseite
Thema:  heiße  zeiten  st.  pauli  theater  hamburg 
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