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Mutig: "Ganz oder gar nicht" in Dortmund

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Patrick Stanke (Mitte) als Dave. Foto: Theater Dortmund
Patrick Stanke (Mitte) als Dave. Foto: Theater Dortmund
08.11.2011 Rezension

In den letzten Jahren war das Aalto-Theater in Essen Anlaufstelle für ein Publikum, das hochkarätige Musicals sehen wollte. Nachdem dort die Entscheidung getroffen wurde, die Musicalsparte zu schließen, richtet sich das Augenmerk umso mehr auf andere Städte wie Dortmund, wo das Theater in der Regel mit dem Standardrepertoire aus "My Fair Lady", "West Side Story" und "Evita" mehr oder weniger glänzte.

Mit "Ganz oder gar nicht - The Full Monty" beweist Intendant Jens-Daniel Herzog nun, dass es am Theater Dortmund auch mutiger geht. Mit Patrick Stanke ("3 Musketiere") als Dave und David Jakobs ("High Fidelity") als Jerry wurden zudem zwei Gäste engagiert, die sich sehen und vor allem hören lassen können.

Sie beide treiben die Handlung voran in diesem Stück um sechs arbeitslose Fabrikarbeiter, die eine Männer-Stripshow auf die Bühne bringen wollen, um Geld zu verdienen. Die Herausforderung: Der eine ist zu klein, der andere zu dick, der dritte zu alt. Dafür hat der Vierte eine Hühnerbrust - ganz normale Männer eben, und nicht so wie die Chippendales, die gerade in der Stadt waren und ihren Frauen den Kopf verdreht haben. Zwei Fragen bleiben bis zum Schluss: Werden sie wirklich auftreten, obwohl die Proben alles andere als vielversprechend sind, und werden sie alles zeigen - wirklich alles? Dieses kleine Versprechen geben Sie nämlich der Damenwelt, als der Vorverkauf zur Show schleppend anläuft.

Peter Cattaneo hat 1997 aus dieser Geschichte den Film "The Full Monty" gemacht, der in der englischen Stahlregion um Sheffield spielt. Terrence McNally ("Meisterklasse") hat für die Musicaladaption von 2001 das Stück ins amerikanische Buffalo verlegt. Die Dortmunder Inszenierung spielt allerdings im Ruhrgebiet, was sich hervorragend eignet für eine Reihe von Anspielungen.

Offensichtlich sind die Probleme überall die gleichen: Die Männer verlieren nicht nur ihr Einkommen, sondern auch ihr Selbstvertrauen. So haben die Zuschauer viel zu lachen, sind aber auch traurig, nachdenklich und voller Mitgefühl. Das Bühnenbild von Heike Meixner stellt das Innere einer Werkshalle dar, die schräg von hinten links nach vorne rechts verläuft. Rechts und links Treppen, die ein Spiel auf zwei Ebenen ermöglicht. So bleibt vorne links Platz für die achtköpfige Band unter der Leitung von Jürgen Grimm, die halb abgesenkt im Orchestergraben sitzt. Der restliche Orchestergraben ist abgedeckt, so dass die Show ganz nah am Zuschauer stattfindet. Quer durch die Werkshalle verläuft eine Eisenbahnschiene, auf der immer wieder Elemente hereingefahren werden, die das Herrenklo, Wohn- oder Schlafzimmer darstellen. So bleibt das Tempo der Inszenierung hoch, da keinerlei Umbaupausen entstehen.

Alle sechs aufstrebenden Stripper sind mit Bedacht ausgesucht. David Jakobs hat gerade erst seine Ausbildung an der Folkwang Hochschule in Essen abgeschlossen. Die Bemühungen, seinem Sohn  Nathan (gespielt von Tina Haas) etwas zu bieten, und die Verzweiflung, es nicht zu schaffen, nimmt man ihm trotz seines jungen Alters ab. Gesanglich meistert er den durchaus schwierigen Part sehr solide.

Patrick Stanke als Dave, der sein Gewichtsproblem nicht leugnen kann, hat sichtlich Spaß an seiner Rolle und kostet jeden Moment aus. Aus der Herrenriege ragt noch Frank Odjidja ("La Cage aux Folles") als Horse heraus. Er spielt den älteren Schwarzen, dessen Hüften eigentlich keine Tänze mehr zulassen. Doch bereits sein "Big Black Man" im ersten Akt wird zum Showstopper.

Bei den Damen fällt Johanna Schoppa vor allem in ihrer Rolle als Dolores ins Auge. Sie sitzt stets an der Orgel, wenn die Jungs proben, und hat etliche Lacher auf ihrer Seite. Schön auch, Melanie Wiegmann wieder auf einer großen NRW-Bühne zu sehen, nachdem sie einst die Rolle der Tanja in der Essener "Mamma Mia!"-Inszenierung gespielt hat. Sie spielt die Liebe zu ihrem Mann Harald (Dirk Weiler), der seine Arbeitslosigkeit ein halbes Jahr geheim gehalten hat, ganz wunderbar aus. Dabei darf sie ebenso überkandidelt agieren wie seinerzeit bei "Mamma Mia!".

Erwähnenswert ist auch die Choreografie von Kati Farkas, die gerade so schwierig ist, dass die Nicht-Tänzer sie im Laufe der Show erlernen können. Insgesamt zeigt sich das Theater Dortmund mit Gil Mehmerts Inszenierung von "Ganz oder gar nicht - The Full Monty" äußerst mutig. Denn obwohl das Haus mit rückläufigen Zuschauerzahlen zu kämpfen hat, wurde dieses recht unbekannte Stück in den Spielplan genommen.

Der Zuschauerraum ist bei der besuchten Vorstellung schätzungsweise zwar nur zur Hälfte ausgelastet, doch die Zuschauer erheben sich schon zu Standing Ovations, als der letzte Ton noch nicht ganz verklungen ist. Und ja, am Ende sieht man alles - ganz.

Text: Thorsten Wulf

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Fünf Fabrikarbeiter wollen Stripper werden. Foto: Theater Dortmund
Artikel vom 08.11.2011    |    Musicalmagazin    |    Startseite
Thema:  the  full  monty  ganz  oder  gar  nicht  dortmund  stanke 
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