Verwirrung in Hamburg! Alpine Klänge schallen über die Reeperbahn, das gewohnte Plattdeutsch wird vom fremden bayerischen Dialekt überdeckt und die steifen Nordlichter fragen sich ungläubig, seit wann Lederhosen, Karohemden und Dirndl in dieser Stadt en vogue sind.
Keine Bange, liebe Hamburger, dies sind lediglich die Auswirkungen einer gelungenen Abwechslung zur derzeitigen Musicallandschaft. Vom 14. Juli bis 27. August 2011 präsentiert das Schmidt Theater mit "Oh Alpenglühn!" ein echtes Schmankerl. Ein humorvolles Zwei-Personen-Stück mit Carolin Fortenbacher und Nik Breidenbach, auf einer bayerischen Alm spielend. Schmidt-Intendant und Regisseur Corny Littmann gelingt damit ein wahrer Geniestreich. Etwas ganz Neues, Wildes, Verrücktes - womit auf der Reeperbahn einfach niemand rechnet.
Sie, ein mehr oder minder erfolgreicher Musicalstar, möchte sich eine Auszeit nehmen und Kraft in einem alpinen Wellnesshotel sammeln. Fern von Stadt, Strapazen und Stress. Aber bitte mit Stil! Was sie bekommt? Viel Stall, Stroh und keinen Strom. Und als i-Tüpfelchen oben drauf den vermeintlich tollpatschigen Bergbauern Leopold (Nik Breidenbach). Der vermietet nämlich die Kammer seiner jüngst verstorbenen Mutter an neurotische Stadtmenschen. Dass seine tote Mutter immer noch eine große Rolle in seinem Leben spielt und ihm aus dem Jenseits gute Ratschläge gibt, macht es nicht gerade heimeliger. Trotz der atmosphärischen Störungen kommen sich der kernige Naturbursche und die Diva näher. Doch die Idylle trügt: Alles kommt anders. Plötzlich taucht der eifersüchtige Ehemann auf, Leopold zeigt ungeahnte intrigante Talente, und ohne zu viel zu verraten: Eine Kettensäge nimmt eine wichtige Rolle in dem Stück ein.
Umgesetzt wird diese turbulente Story von zwei herausragenden Darstellern. Carolin Fortenbacher (spielte auch in "Mamma Mia!") zeigt sich durchgehend als überdrehtes Weibsbild und rauscht wie durchgeknallt über die Bühne. Ihre wilden Tanzeinlagen auf gigantischen Pumps lassen den Zuschauer schwindelig werden. Doch besonders beeindruckend sind die gesanglichen Leistungen. Ob ein Schlager von Wencke Myhre, ein Song aus dem "Phantom der Oper" oder ein klassisches Stück wie der "Frühlingsstimmen-Walzer" von Johann Strauß – Fortenbachers Interpretationen gelingen souverän durch alle Genres. Eine absolute Überraschung ist Nik Breidenbach. Der Musicaldarsteller ("Tanz der Vampire") und Schauspieler ("GZSZ") präsentiert sich nicht nur mit starker, faszinierender Stimme, sondern mit großem komödiantischen Talent. Er glänzt in jeder einzelnen Szene, besonders aber während der "Konfrontation" aus "Jekyll & Hyde" in der Doppelrolle von Leopold und dessen Mutter.
Das Duo ist toll aufeinander eingespielt, das Timing für die Gags perfekt. Die Spielfreude überträgt sich sofort, und als die beiden eine putzige Schwimmflossen-Choreografie hinlegen, dürfte auch der letzte Zuschauer davon überzeugt sein, dass es nichts Schöneres geben kann, als in einem klaren Bergsee auf der Alm zu schwimmen.
Für Autor Mirko Bott ist es bereits die dritte Produktion für das Schmidt Theater, und er lässt keine Wünsche offen. Die Gag-Kanonen werden durchgehend mit Konfettiwitzchen geladen und breit ins Publikum geschossen, ganz nach der Manier: Irgendwen trifft es sicher. Und dieses Konzept geht klar auf, die Stimmung im Zuschauerraum ist ausgelassen. Mit "Oh Alpenglühn!" ist ein echt köstliches Schmankerl gelungen. O'zapft is!
Text: Sarah Kurze







