Um ein großartiges Musical zu erleben, muss niemand in Musicalhochburgen reisen und die horrenden Eintrittspreise bezahlen, wie sie manche privaten Veranstalter verlangen. Wer einen qualitativ hochwertigen und wirklich erstklassigen Musicalabend erleben möchte, sollte sich auf den Weg nach Hildesheim machen, wo jetzt das Musical "Side Show" unter dem deutschen Titel "Die Show ihres Lebens" am Theater für Niedersachsen (TfN) Europapremiere feierte.
Hinter dem eher nichts sagenden Titel "Die Show ihres Lebens" (das könnte ja alles Mögliche sein) verbirgt sich die Geschichte der siamesischen Zwillinge Daisy und Violet Hilton, die tatsächlich existierten und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Jahrmärkten in Freakshows vorgeführt wurden. Während Daisy (Navina Heyne) berühmt werden möchte, sehnt sich Violet (Regine Sturm) einfach nur nach Liebe. Der Künstleragent Terry (Frank Brunet) und sein Kumpane Buddy (Jens Plewinski) bringen die Zwillinge ins Vaudeville und machen sie zu Stars. Doch irgendwann erkennt Daisy, dass Ruhm und Geld nicht alles sind und sie sich wie ihre Schwester lediglich nach etwas Liebe sehnt.
Mit dieser Handlung bietet das Musical von Henry Krieger (Musik) und Bill Russell (Buch), das 1997 am Broadway uraufgeführt wurde und gnadenlos floppte, die Grundlage für alles, was ein Musical ausmacht - und Regisseur Craig Simmons ("44 Grad im Schatten") nutzt die Chance und verlangt dem Theater und seinen Künstlern wirklich alles ab. Hier wechseln sich große Vaudeville-Shownummern ab mit kleinen emotionalen Szenen. Schon die Eröffnungsszene - die bereits beginnt, während die Zuschauer noch ihre Plätze einnehmen - gelingt überzeugend: Die Darsteller betreten nach und nach die Bühne und nehmen auf einer zum Zuschauerraum gerichteten Empore Platz. Einige anscheinend verunsicherte Zuschauer, die sich von den Darstellern beobachtet fühlen, fangen an zu lachen. Es folgt eine stimmstark dargebotene Chornummer und die Eröffnung der Freakshow, in der der Boss (Jens Krause) unter anderem Menschen mit Behinderungen und Verwachsungen präsentiert.
In den Rollen der siamesischen Zwillinge haben Navina Heyne und Regine Sturm als Daisy und Violet ein ordentliches Päckchen zu tragen: Sie sind in fast jeder Szene zu sehen, haben viel zu singen und müssen zudem noch realistisch darstellen, dass sie an ihren Hüften und Hinterteilen zusammengewachsen sind. So steht und fällt die gesamte Show mit ihnen. Doch sie schaffen es schnell, das Publikum für sich zu gewinnen.
Regine Sturm beeindruckt vor allem, weil sie ursprünglich aus dem Opernfach kommt und "Die Show ihres Lebens" ihr erstes Musicalengagement ist. Überraschend singt sie ohne klassisches Operntimbre und ist auch im Schauspiel äußerst glaubwürdig als eher introvertierte Violet, die sich nach Liebe sehnt und gar nicht so gern im Rampenlicht steht. Mit ihrer klaren Stimme gibt sie ein hervorragendes Musicaldebüt.
Navina Heyne steht ihr in der Rolle der Daisy in nichts nach. Sie ist eine entzückend vorlaute und nach Ruhm lechzende Zwillingsschwester. Durch ihre voluminöse und gefühlvolle Stimme wird jeder ihrer Songs zum wahren Hörgenuss. Dabei harmoniert sie stimmlich auch sehr gut mit Regine Sturm. Beiden gelingt durch die gefühlvolle wie expressive Interpretation des Duetts "Ich bleib immer bei dir" ein musikalischer Höhepunkt.
Neben diesen starken Hauptdarstellerinnen haben es die vier männlichen Hauptdarsteller nicht einfach. Doch besonders Jonas Hein reißt als Jake das Publikum mit seiner starken, druckvollen Stimme mit und sorgt mehrfach für lautstark aufbrandenden Szenenapplaus. Auch die Maskenabteilung hat hier ganze Arbeit geleistet, ohne dass es billig wirkt: Wer es nicht weiß, würde wohl kaum auf die Idee kommen, dass Hein kein Schwarzer ist. Jens Krause agiert gewohnt souverän und spielt einen schmierigen, geldgierigen und aggressiven Freakshow-Boss. Erleichterung macht sich breit, als Terry Connor (Frank Brunet) und Buddy Foster (Jens Plewinski) die Zwillinge aus den Fängen des widerwärtigen Bosses befreien. Dass Terry und Buddy allerdings auch keine anderen Absichten haben und sich lediglich an Daisy und Violet bereichern wollen, wird erst im weiteren Verlauf der Handlung klar. Dabei entwickeln beide Männer sogar Gefühle für die beiden Frauen.
Frank Brunet gibt Terry als visionären und smarten Künstleragenten, der sich zunächst nicht eingestehen kann, dass er sich zu Daisy hingezogen fühlt. In seinem mit sonorer Stimme dargebotenen, sehr emotionalen Song werden seine Liebesgefühle erkennbar, aber auch seine Bedenken, mit Daisy niemals einen intimen Moment unter vier Augen verbringen zu können. Dabei erreicht die Szene eine ungeahnte Eindringlichkeit, als Daisy in Terrys Gedanken plötzlich als einzelne und nicht mehr mit ihrer Schwester verwachsene Frau aus dem Nichts erscheint und mit ihm zu tanzen beginnt (Choreografie: Jacqui Wendt). Eine großartige Szene auf der völlig leeren, schwarzen Bühne.
Jens Plewinski ist als Buddy einerseits der nette Kerl von nebenan, der an die Hilton-Zwillinge glaubt und Terry von ihrem Talent überzeugt. Andererseits ist er derjenige, der ebenfalls vom Erfolg der Schwestern profitiert. Im Gegensatz zu Terry bringt es Buddy aber letztendlich doch über die Lippen, Violet seine Liebe zu gestehen und um ihre Hand anzuhalten. Plewinski gelingt es dabei, seiner Rolle Sympathie zu verleihen und einen glaubwürdigen Bogen zu spannen zwischen dem Mann, der vom Ruhm der Schwestern profitiert, und dem Mann, der aufrichtige Liebe für eine der Schwestern empfindet.
Eine sehr schöne Szene gelingt gegen Ende des zweiten Akts, wenn Terry und Buddy mit Daisy und Violet in einem Rollercoaster sitzend ein Quartett singen und dabei kleine Spotlights abwechselnd ihre Gesichter anstrahlen. Der emotionalste Moment jedoch ergibt sich erst im Finale, wenn Violet und Buddy vor den Traualtar treten wollen, es zuvor aber zum Bruch zwischen Daisy und Terry kommt. Wenn Buddy seiner Braut dann lieblos den Ring auf den Finger schiebt, abgeht und Terry ihm dabei in Kumpelmanier auf die Schulter klopft wird spätestens klar: Für die Hilton-Schwestern hat sich nichts geändert. Sie sind noch immer die Freaks, an denen sich andere Menschen bereichern.
Obwohl die Handlung so emotional und bewegend ist, gibt es auch große Szenen, die vor allem viel fürs Auge bieten - und zwar immer dann, wenn Daisy und Violet in der Vaudeville-Show auftreten. Hier konnte sich Manfred Breitenfellner, der für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnet, ordentlich austoben. Einmal ist es eine Pharonen-Szene, dann eine Rokoko-Szene. Das Bühnenbild ist dabei sehr aufwändig gestaltet, die Kostüme sind zeitgemäß und detailreich. Hier wird sichtbar, dass "Die Show ihres Lebens" die wohl aufwändigste Musicalproduktion ist, die das TfN in seiner Geschichte je gestemmt hat.
Neben der spannenden Handlung, den überzeugenden Darstellern und der optischen Opulenz wird die Musik von Henry Krieger nie zur Nebensache, sondern bildet das Grundgerüst für die komplette Inszenierung und dürfte Leif Klinkhardt und seinen Musiker im Orchestergraben den Schweiß auf die Stirn treiben. Krieger ist es gelungen, ganz wunderbare und gut ins Ohr gehende Melodien zu schreiben, die durch das große Orchester grandios interpretiert werden - und auch die deutsche Übersetzung der Texte aus der Feder Christian Gundlachs ist sehr melodisch und treffend gelungen. So erweist sich "Die Show ihres Lebens" als unbedingt sehenswertes Musical, für das sich auch eine weitere Anreise auf jeden Fall lohnt.
Text: Dominik Lapp
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Proben-Reportage "Die Show ihres Lebens" (08.02.2012)
Interview mit Navina Heyne und Regine Sturm (29.03.2012)







