Babys und Bio bestimmen das Leben der Einwohner des Berliner Szenekiezes Prenzlauer Berg. Ein Klischee, das von der Berliner Stammzellformation in ihrer Eigenproduktion "Mamma Macchiato" sehr zur Freude des Publikums gehörig überzogen wird. Das Trio spielt die Kiezkomödie bis zum 5. Januar 2011 nun erstmals im Weddinger Prime-Time-Theater. Danach sind sie wieder im Maschinenhaus der Kulturbrauerei und damit in ihrer heißgeliebten Heimat - dem Prenzlauer Berg - zu sehen.
"Es ist Frühling im Prenzlauer Berg", wo die Geschwister Simone und Thomas ein Café betreiben. Um das Erbe ihres gerade verstorbenen Vaters zu bekommen, sollen die Beiden den Erfolg ihres Ladens notariell beglaubigen lassen. Dazu muss jedoch etwas her, das Gäste anlockt. Mit einer einfachen Chai-Latte sind die verwöhnten Prenzlauer nicht mehr zu begeistern. Die studentische Aushilfe Helena hat die rettende Idee. Wo viele Mütter sind, ist schließlich auch viel Milch. Und tatsächlich - die neue Latte lässt den Laden brummen. Doch Erfolg allein macht auf Dauer bekanntlich auch nicht glücklich.
Statt die typischen Klischees nur zu bedienen, überziehen Nini Stadlmann, Melanie Haupt und Tom van Hasselt diese in "Mamma Macchiato" maßlos. Wer einmal in Berlin gelebt hat, versteht die Ironie sofort - da gibt es den türkischen Spätverkaufbesitzer Ali, Simones Freund "Franky, die Großstadttöhle", den freischaffenden Künstler, den Vater in Elternzeit und vor allem die gestressten Mütter, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Häuschen am Kollwitzplatz und regelmäßig Zeit für eine Massage. Auch die immer noch existierenden Ost-West-Vorurteile werden problematisiert und belacht. So beäugt beispielsweise die schwäbische Mutter der Geschwister von Stein die ostdeutsche Studentin Helena mit großem Argwohn. Die Vielfalt der Charaktere spricht für die große Wandelbarkeit des Schauspieltrios. Ohne Übergang springen sie von einer Rolle in die andere und brauchen dafür teilweise nur ein einziges Requisit.
Genauso abwechslungsreich ist die Musik des so genannten "Musicals, das der Prenzlauer Berg verdient". Hier lassen sich sowohl Ohrwürmer als auch rührende Balladen finden. Alles natürlich sehr überladen und verrückt, versteht sich. So schafft es das Trio tatsächlich, todernst eine Ode an die Milch zu singen und jenes Getränk als "Weißes Gold" zu bezeichnen. Vor allem der Eröffnungsssong "Es ist Frühling im Prenzlauer Berg" beweist echtes Hitpotenzial: "Das Eis taut auf, der Hundekot auch" und "Das Gewissen ist rein, nur Bio muss es sein", heißt es hier, und die Reihe lustiger Zitate könnte noch lange so fortgeführt werden. Fast anrührend und dennoch voller Ironie sind Balladen wie "Papa kommt heute spät" oder "Die Verbindung wird gehalten". Letztere thematisiert die unerfüllte jedoch nie unterbrochene Liebe der angestellten Helena zu ihrem Chef Thomas, der stattdessen "profilaktische SMS" an seine handylose Internetliebe nach Kuba schickt.
Mit "Mamma Macchiato" gelingt es der Berliner Stammzellformation wiederholt, ihr Publikum ohne große Bühnengestaltung und aufwändige Kostüme, aber mit viel Talent und Mut zu begeistern und vor allem zu überraschen. Das Trio zeigt alles, was keiner erwartet. Und sobald man glaubt, dass es nicht absurder werden kann, belehren diese Drei den Zuschauer eines Besseren. Provokativ, lustig und vor allem ansteckend. Fazit: Mit der nötigen Portion Humor unbedingt anschauen.
Text: Julia Hoffmann







