Freie Platzwahl bei einem Abschlussprojekt der Joop van den Ende Academy ist für sich genommen schon ein heikles Unterfangen: Das Kehrwieder-Theater in Hamburg platzt aus allen Nähten, und beim Warten auf den Einlass geht es im wahrsten Sinne des Wortes heiß her - aus mehr als einem Grund. Man ist umringt von zahlreichen bekannten Gesichtern, die ihrerseits nach anderen bekannten Gesichtern Ausschau halten. Namedropping allerorten. Es geht um etwas, das ist deutlich zu spüren.
Worum genau, erläutert der Künstlerische Direktor Perrin Manzer Allen bereits im Geleitwort des Programmheftes: „Viele von uns bedauern häufig die Entwicklung der Musiktheater-Branche. Doch wenn ich unsere Nachwuchsdarsteller auf der Bühne erlebe, bei Auftritten und bei Proben, dann stecken sie mich mit der Freude und Liebe, die sie für ihren gewählten Beruf fühlen, an.“ Beides wird, soviel sei vorweggenommen, diesen Abend zu etwas ganz Besonderem machen. Denn wenn man auch anfangs nicht so genau weiß, auf welcher Seite der vierten Wand das größere Lampenfieber herrscht - im Handumdrehen verwandelt das Ensemble, passend zur Eröffnungsszene des Stückes, sowohl den Bühnen- als auch den Zuschauerraum in eine Party.
Die Voraussetzungen dafür sind nur bedingt gegeben. Sondheims "Company" ist eher ein psychologisches denn ein musikalisches Kabinettstück. Der Bund fürs Leben und die zahlreichen Gründe seines Zustandekommens bzw. Scheiterns werden in allen Facetten durchdekliniert. Nicht gerade ein Stoff, mit dem sich ein junges, hungriges Ensemble in aller Frische einem minder jungen, aber nicht minder hungrigen Publikum präsentieren kann. Möchte man meinen. Erschwert wird dieser Umstand durch die Tatsache, dass die Absolventen ihr Projekt unter "realen" Bedingungen auf die Bretter brachten: fünf Wochen Probenzeit bieten kaum Gelegenheit, die Psychologie der Figuren in ihrer kompletten Tiefe auszuloten. Könnte man denken.
Dass dieses Experiment über weite Strecken gelingt, verdankt sich - wen würde es wundern - dem Talent und der Hingabe aller Beteiligten. Unterstützt von einer grandios aufspielenden Band unter der Leitung von Fabian Schubert (noch so ein bekanntes Gesicht, nicht nur für passionierte Stage-Pilger) besteigen die Absolventen wagemutig das Schiff in Richtung Hafen Ehe. Natürlich muss die Aufregung dabei erst einmal über Bord geschmissen werden, auch am Abend nach der Premierenvorstellung. Bis es soweit ist, mischt sich hier und da noch ein Zittern in die Stimme, und darunter leidet vor allem der gesangliche Beitrag von Harry (Markus Schabbing) in "Leid tut's dir immer". Tapfer beltet er sich durch die Nummer, und doch: In manchen Passagen wirkt die Technik wie ein Anzug, der seiner Stimme nicht so recht passen will.
Ähnlich Madeleine Lauw: Stimmlich souverän und kraftvoll in den Textpassagen, das Timbre ihrer Stimme gar an Tracie Thoms erinnernd, wirkt ihr Gesang in "Gemeinsamkeit in Kleinigkeiten" unerwartet kehlig und intonationsschwach. Aber wie gesagt, das sind nur Kinderkrankheiten. Beide machen den ersten Eindruck mehr als wett, Schabbing in "Und ob ich ein Mädchen weiß", Lauw mit ihrem Solo "Auf all die gnädigen Frauen".
Trotzdem, die großen Töne spucken an diesem Abend andere. Marta (Elisabeth Köstner) zum Beispiel in "Und wieder kommen hundert aus der U-Bahn heraus", versetzt mit zahlreichen Spielszenen und daher nicht mit einem wohlverdienten Zwischenapplaus entlohnt. Auch in dem Terzett "Du treibst einen glatt zum Wahnsinn" an der Seite von April (Céline Vogt) und Kathy (Annakathrin Naderer) macht sie eine gute Figur, ihre Kontrahentinnen um Roberts Liebe stehen ihr in nichts nach - was vor allem im Falle Naderers verwundert, steht sie doch als Studentin im dritten Semester gleichsam außerhalb der Wertung.
Die Beantwortung der Frage, wem denn nun eine glänzende Musicalkarriere bevorstehe, fällt gerade in Hinblick auf den weiblichen Teil der Akteure leicht. Und dabei geht es, so ernüchternd das auch klingen mag, nicht in erster Linie um die individuelle Leistung, auch wenn deren herausragende Qualität unbestreitbar ist. Es geht um Typen. Eva Serrarens, ebenfalls Studentin im dritten Semester, sieht man vor seinem geistigen Auge bereits als Glinda in "Wicked" von der Decke schweben, Céline Vogt ihrerseits als Soul-Girl im "Kleinen Horrorladen", als Pink Lady in "Grease" oder als Amber von Tussle in "Hairspray".
Und der Protagonist des Stückes selbst, der, um den sich die ganze (Damen-)Welt zu drehen scheint, Robert? Regisseur Ulrich Wiggers hat sich mit Jan Schwartzkopff und Philipp Dietrich für eine Doppelbesetzung entschieden. Kein schlechter Schachzug. Einerseits angesichts der Thematik des Musicals und deren Konzeption für die Bühne. So kann Robert einerseits offen auf sein Umfeld reagieren - meistens freundlich, schlimmstenfalls höflich - während seine gedanklichen Untertitel als Kommentarebene gleichsam mitlaufen. Zum anderen bilden die jeweiligen Stärken der beiden eine gelungene Symbiose, denn wo es dem einen an stimmlicher Brillanz gebricht (Schwartzkopff), kompensiert er im Gegenzug mit dem besseren Spiel. Sein Lächeln ist die beste Waffe gegen den ehelichen Irrsinn um ihn herum, ein Lächeln, das ihn zunächst souverän erscheinen lässt, dann naiv - und am Ende einfach nur noch menschlich.
Text: Jan Hendrik Buchholz







