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Puppenspaß: "Villa Sonnenschein" in Hamburg

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Carolin Spieß (Mechthild). Foto: Christoph Schwarz
Carolin Spieß (Mechthild). Foto: Christoph Schwarz
14.01.2012 Rezension

Schlimmer könnte der Einstand für Felix (Benjamin Zobrys), dem neuen Bufti in der Villa Sonnenschein, kaum sein: Carlotta von Pörtschach (Ingrit Dohse), einst gefeierte Chanteuse, haucht bei seinem Eintreten ihre letzte Koloratur. Vermeintlich.

Dahinter nämlich versteckt sich ihr ausgeklügelter Plan, die fiesen Machenschaften der Heimleiterin Mechthild (Franziska Kuropka) aufzudecken: Statt eines Begräbnisses, wie es einer großen Diva gebührt, will sie die stimmgewaltige Seniorin mit Helmut Lotti vom Band und Ravioli aus der Dose als Leichenschmaus bestatten. Klar, dass die Totgeglaubte da Hals über Kopf und mit Zeter und Mordio ins Diesseits zurückkehrt. Und ihrem siebzehnten Mann, gleichzeitig ihrer ersten und einzigen großen Liebe (Hans B. Goetzfried) ein zerbrechliches Liebeslied singt. Scharf am Kitsch vorbei und dann doch mitten ins Herz - wie so oft im Hamburger Schmidt Theater.

Hals über Kopf passiert so einiges in den ersten Minuten: Vom Fleck weg verknallen sich Felix und Melanie, die Tochter des Hausdrachens, ineinander. Mir nichts dir nichts knallt Felix an die Realität heran: Statt Poesie gibt es „auf Zimmer sieben einen Po für Sie.“ Im Handumdrehen bekommt er seine Pflichten erklärt: Wenn die Alten randalieren, „muss man sie ans Bett fixieren.“ Und auf die Frage „Was kann ich Ihnen denn Gutes tun?“ gibt es von Rollstuhlfahrer Gustav (Corny Littmann) umgehend ein lakonisches „Erschieß mich!“ zur Antwort.

Littmann ist überhaupt einer der Hingucker des Abends: Wieder einmal beweist er Mut zur Hässlichkeit, und sein Publikum dankt es ihm. Stilecht die Trainingshose bis zur Brust hinaufgezogen, kostet er auf der epileptisch nach außen gebogenen Zunge die Sekrete (fast) sämtlicher Körperöffnungen. Und jeden Moment voll aus. Da wird aus seinem Kampf mit der behindertengerechten Rampe schnell ein minutenlanges Kabinettstück in Sachen Kleinkunst. Gustav, lebenssatt bis in die Haarspitzen, spielt sämtliche möglichen Formen des persönlichen Ablebens durch. „Ich lass mich verbrennen“, verspricht er Mechthild. „Da kannst du richtig Asche mit machen.“

Und wo wir gerade von Hinguckern sprechen, das sind die liebevoll gestalteten Masken der Protagonisten allemal: Mechthild als Furie im Stile einer Cruella de Ville, vor allem aber ihr Handlanger, der dubiose Strahlemann Dr. Mathieu (Heiko Wohlgemuth), der - als schlechte Elvis-Karikatur in Blond - schon bald allen Insassen zu Leibe rückt. Auf die ein oder andere Weise. Klar, dass sich die keineswegs senilen Alten, aufgepeitscht durch den eifersüchtigen Felix, gegen ihre geldgierigen Peiniger zur Wehr setzen.

Dabei tut das sprechende Interieur der Villa Sonnenschein sein übriges, um die Dinge wieder ins rechte Lot und das Publikum zum Schmunzeln zu bringen: Eine sächselnde Sonne illustriert die Zeitsprünge, während Eberkopf und Leselampe, an gegenüberliegenden Wänden hängend, verschämt schmachtend ihre Fernbeziehung führen. Die hysterisch lachenden Sonnenblumen werden dann nur noch übertroffen vom Macho-Gehabe der Topfpflanze - spätestens an dieser Stelle mag es keinen im Publikum mehr so recht auf seinem Platz halten.

Für die bereits siebte Premiere des Stückes (O-Ton Littmann) haben sich die Macher einiges an Aktualisierungen einfallen lassen. „Was'n los mit euch“, fragt eine sensible Sonne die resignierten Insassen zu Beginn des zweiten Akts. „Hat Euch Christian Wulff auf die Mailbox gequatscht?“ Und der Tod, der letztendlich doch noch an die Tür der Villa klopft, erkundigt sich erst einmal nach Johannes Heesters, um sich dann für Carlotta zu entscheiden. Der einzige Wermutstropfen, ansonsten siegt das Happy End auf ganzer Linie. Auch fürs Ensemble, das in minutenlangem Applaus baden darf.

Zu Recht. Das ein oder andere große Gefühl mag zwar merkwürdig deplatziert erscheinen ("Wir sind frei - Meuterei!"), weil es eben auch die große Bühne braucht. Demgegenüber würden viele Gags anderswo als Plattitüde verpuffen, während sie im Schmidt Theater zünden: „Kukident, Kukident zum Städtele hinaus...“ Und so ist es in einer glänzend vorgetragenen und choreografierten Inszenierung ausgerechnet Rollifahrer Gustav, der mal den Takt verstolpert.

Text: Jan Hendrik Buchholz

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Franziska Kuropka (Melanie). Foto: Christoph Schwarz
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Das Ensemble. Foto: Christoph Schwarz
Artikel vom 14.01.2012    |    Musicalmagazin    |    Startseite
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