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Rundum gelungen: "Ganz oder gar nicht" in Hildesheim

14.04.2012 Rezension Drucken

Nach der ersten Stripeinlage von Tim Müller in der Rolle des Strippers Buddy Walsh sind einige Damen im Auditorium schon völlig aus dem Häuschen - und das, obwohl die Vorstellung erst vor wenigen Minuten begonnen hat. Regisseur und Choreograf Tim Zimmermann hat mit "Ganz oder gar nicht" die letzte Musicalproduktion der Spielzeit 2011/2012 am Hildesheimer Theater für Niedersachsen (TfN) auf die Bühne gebracht und serviert damit ein kleines Schmankerl zum Saisonabschluss. Das Musical aus der Feder von David Yazbek (Musik & Songtexte) und Terrence McNally (Buch) basiert auf dem Film "The Full Monty" und handelt von sechs Arbeitern eines Stahlwerks in den USA, die arbeitslos werden und aus der Not heraus eine Stripshow auf die Beine stellen.

Im Gegensatz zum sehr aufwändig gestalteten Musical "Die Show ihres Lebens", das zwei Monate vor "Ganz oder gar nicht" am TfN Premiere feierte, ist die Ausstattung bei letzterem Stück recht spartanisch ausgefallen. Bühnenbild und Kostüme von Esther Bätschmann sind zwar schlicht, doch vor allem das Bühnenbild ist dabei auch sehr wandelbar: Mit mehreren Aluminiumrahmen, einigen Wänden und Requisiten entstehen so immer wieder blitzschnell neue Handlungsorte. Die Umbauten übernehmen dabei - unterstützt von Bühnenhandwerkern - die Darsteller selbst, was am Premierenabend jedoch vereinzelt noch etwas unkoordiniert wirkt. Hier dürfte aber sicher bald die Routine für einen fließenden Ablauf sorgen.

Im Orchestergraben treibt Andreas Unsicker dagegen seine Musiker zu Höchstleistungen an, die die stimmige Musik von David Yazbek im satten Big-Band-Sound in den Zuschauerraum transportieren. Und auf der Bühne? Da wird überraschenderweise eine gar nicht mal so flache Geschichte abgespult, wie sie der Zuschauer hätte erwarten können. Im Gegenteil: Regisseur Tim Zimmermann hat den Vorteil des Bühnenstücks gegenüber der Filmvorlage genutzt und den Rollen mehr Tiefe verliehen, was dadurch möglich ist, weil die Spielzeit des Musicals erheblich länger ist als die des Films. Mehr Zeit also, um den Charakteren ein stärkeres Profil zu verpassen.

Stark ist die Cast ohnehin - allen voran Jens Plewinski als Jerry Lukowski, der eine Art Leitfigur darstellt und auch derjenige ist, der die Idee zur Stripshow hat. Schauspielerisch gelingt Plewinski der Balanceakt zwischen arbeitslosem Kindskopf und treusorgendem Vater sehr überzeugend, während er gesanglich mit seiner makellosen Stimme glänzen kann. Heimlicher Star der Show ist jedoch Annika Dickel als Pianistin Jeanette, die im Fatsuit und mit Kölner Dialekt ihre komödiantische Seite aufs Beste ausspielen kann. Eine grandiose schauspielerische Leistung, die das Premierenpublikum mit lautstarkem Applaus honoriert.

Mathias Förster gibt als Dave Bukatinsky den Quoten-Dicken in der Nachwuchs-Stripper-Runde, der letzten Endes vor dem großen Auftritt kneifen will und stattdessen einen Job als Nachtwächter in der Shopping-Mall annimmt. Navina Heyne ist die Ehefrau an seiner Seite, schauspielerisch souverän und gesanglich top. Ebenfalls überzeugen können Sebastian Strehler als Ethan Girard und Jonas Hein als Malcolm MacGregor, die sich während der Proben für die Stripshow näher kommen. Michaela Linck sorgt für Lacher als Malcolms Mutter Molly, Frank Brunet gibt Noah T. Simmons mit schöner Stimme und Jens Krause punktet als Harold Nichols genauso wie Tanja Krauth als Vicky Nichols vor allem schauspielerisch. Im Zusammenspiel kreieren Krause und Krauth dabei einen besonders rührenden Moment, als Vicky ihren Harold zum Strippen auf die Bühne schickt und ihm mit auf den Weg gibt, dass er in seinem neuen Job jeden Tag mit Schlips zur Arbeit gehen kann, aber die Show jetzt für sie durchziehen soll.

Und zum Schluss? Da lassen tatsächlich alle Herren die Hosen runter. Dabei hat Regisseur Zimmermann sogar eine schöne Lösung gefunden, um die Damen im Zuschauerraum zufrieden zu stellen, ohne dabei die mitgebrachten Ehemänner in Verlegenheit zu bringen. Wer also denkt, "Ganz oder gar nicht" sei eine klassische Ladies Night, der irrt gewaltig. Dieses Musical ist sehenswert für jedermann und rundum gelungen.

Text: Dominik Lapp

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Artikel vom 14.04.2012    |    Musicalmagazin    |    Startseite
Thema:  ganz  oder  gar  nicht  the  full  monty  tfn  hildesheim 

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