REZENSION | „Das ist der Roland“, tönt die bekannte Stimme von Armin Maiwald aus der "Sendung mit der Maus" durch den Saal. „Der Roland baut sich einen Joint.“ An seiner Tüte indes entzündet sich ein wahres Feuerwerk der guten Laune, denn Roland (Henryk Reimann) nimmt uns alle mit auf seinen Trip - hinein in die wilden 1970er Jahre. Nach "Fifty Fifty" und "Sixty Sixty" wäre der Name "Seventy Seventy" den Herren Corny Littmann (Regie) und Martin Lingnau (Buch, Idee und musikalische Gesamtleitung) dann wohl doch ein wenig zu sperrig gewesen, und so geht es unter dem Titel "Karamba!" mit Karacho in das nächste Schlagerjahrzehnt.
Der Abend ist in mehrfacher Hinsicht ein Nachhausekommen. Zum einen, weil eben nur Schmidt drin ist, wo auch Schmidt draufsteht. Noch bevor sich der Vorhang überhaupt öffnet, versucht Henning vom Servicepersonal seinen Kollegen zu verkuppeln. Mit dem männlichen Teil des Publikums, versteht sich: „Die Brezeln sind heute besonders warm.“ Und nur hier wird aus einer alkoholischen Knabberei mit sonst eher biederem Nachgeschmack ein kumpelhafter Knuff unter die Gürtellinie: „Nicht mal bei den edlen Tropfen kommt Ihr ohne Nüsse aus.“
Nur einmal, im Exkurs zur Mutter aller deutschen Softpornos "Liebesgrüße aus der Lederhose", wird der Bogen überspannt, ist es nicht mehr frivol, sondern vulgär: „Zenzi, ab in die Gaststuben; es ist Stoßzeit!“ Ansonsten dominiert die augenzwinkernde Schlüpfrigkeit, die so typisch ist für dieses Haus.
Eine Heimkehr ist dieser Abend aber auch für jeden, der die siebziger Jahre - am Rande oder zur Gänze - mitgenommen hat. Die Inszenierung verzichtet, wie es sich für eine Revue gehört, auf eine straffe Handlung. Vielmehr wirft sie Schlaglichter auf liebgewonnene Erzeugnisse und nachhaltige Relikte dieser Dekade.
Passenderweise wird dem neuen Familienaltar der größte Raum zugestanden, und plötzlich sind sie wieder da, die Kinderhelden aus dem Flimmerkasten, um ein gemeinsames Medley zu stemmen, zweifellos der Höhepunkt des Abends: Ernie aus der Sesamstraße, Wickie und die starken Männer, Pipi Langstrumpf, Heidi, Pinocchio. Alle sind auf wunderbare Weise ihrer dritten Dimension beraubt, so dass sie aussehen wie Sammelbilder (Kostüme: Frank Kuder und Maya Vega-Garcia). Und alle singen ihre Erkennungsmelodien, wobei Biene Maja erwartungsgemäß die meisten Stiche beim Publikum sieht.
"Dalli Dalli" wird geboten als interaktive Show mit einem Kandidatenpaar aus dem Publikum. "Der siebte Sinn" präsentiert sich mit fast pre-aliceschwarzerhaftem Sexismus und verrät, warum Frauen doch nicht hinters Steuer gehören - vortrefflich verknüpft mit dem Valentino-Hit "Im Wagen vor mir". Und auch Loriots "Fernsehansagerin", die über einer Zusammenfassung der britischen Fernsehserie "Die zwei Cousinen" schier verthweifelt, pardon: verzweifelt, kommt zu neuen Ehren.
Vor allem aber wird nicht gesprochen, sondern selbstredend viel gesungen, und hier verdichten sich die Qualität, die Hingabe und Liebe fürs Detail aller Beteiligten. Seien es die knackigen Chorsätze und der stimmliche Facettenreichtum des Ensembles (hervorgehoben werden soll hier "Das Lied von Manuel" aus dem ersten Akt), sei es das glänzend aufspielende Original Tivoli Orchester unter der Leitung von Markus Voigt, seien es die liebenswürdig-naiven Requisiten (Bühne: Heiko de Boer, Urmel Meyering, Mirko Bott) – man merkt, hier ist ein eingespieltes Team am Werk.
Einer solchen Ensembleleistung geht man gern auf den Leim, schließlich wandelt sich die große Gefühlsoffensive klammheimlich in eine geschickte Verführung. So wird beispielsweise Peter Maffays "Es war Sommer" zu einem schlüpfrigen und unbeabsichtigten Pas-des-deux zwischen ihm und ihm, und der Werbeblock für Weichspüler, Hygieneartikel und Herrenunterwäsche wird von der Band dezent mit den Klängen von "Das bisschen Haushalt" eingeläutet.
Zur professionellen Hinterhältigkeit von Littmann und Lingnau zählt auch, dass sie sich die ganz großen Kracher fürs Ende aufsparen. Bevor es indes dazu kommt, werden noch einmal deutsche Touristen-Stereotypen satt aufgetischt: „Es gibt was typisch Griechisches, und damit Pasta!“ Griechischer Wein ebnet süffig den Weg zum Finale, und das schreitet mit Sieben-Meilen-Stiefeln daher: "Er gehört zu mir", "Moskau", "Tanze Samba mit mir" – gespielt wird alles, was hundertprozentig mitsingtauglich ist. Samba tanzt das Publikum dann tatsächlich: mit der Kondition der Akteure. Bis es schließlich heißt: „Gute Nacht, Freunde“ und auf beiden Seiten der vierten Wand gewinkt wird: dankbar, erschöpft, berauscht.
Text: Jan Hendrik Buchholz







