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Sister Act ab sofort auf der Reeperbahn

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"Zeig mir den Himmel": Ab sofort ist "Sister Act" in Hamburg zu sehen. (Foto: Stage Entertainment)
"Zeig mir den Himmel": Ab sofort ist "Sister Act" in Hamburg zu sehen. (Foto: Stage Entertainment)
05.12.2010

Rotlicht, viel nackte Haut und wenige bis keine Tabus - dafür steht der Hamburger Kiez. Das ist seit Donnerstag nicht anders. Nur ist die Hamburger Reeperbahn seither um eine Attraktion reicher: Mit der Premiere von Sister Act sind im Rotlichtviertel jetzt auch die Nonnen los - und wer glaubt, dass schwarz-weißer „Pinguin-Look" dagegen langweilig ist, der irrt gewaltig. Denn was die Nonnen drauf haben, stellt so manche Gogo-Tänzerin in den Schatten. Da heißt es nicht nur: „Zeig mir den Himmel", da gibt es himmlisches Vergnügen.

Der Schlussakkord war bei der Medienpremiere am 1. Dezember noch nicht verklungen, da stand das Publikum und spendete Applaus in lange nicht mehr gehörter Intensität. Selbst in der hintersten Reihe des Ranges hielt es niemanden mehr auf dem Sitz. Das war frenetischer Jubel, wie ihn so manche Eigenproduktion der Stage Entertainment in letzter Zeit zwar gern gehabt hätte, aber bei weitem nicht einheimsen konnte. Mit Sister Act scheinen Joop van den Ende und Johannes Mock O'Hara jedoch endlich wieder ein Stück auf die Bühne gebracht zu haben, das den Eintrittspreis lohnt - und was gerade im Hinblick auf die unmittelbare Nachbarschaft zur Reeperbahn einen lustigen und unvergesslichen Abend einzuläuten vermag.

Denn nur scheinbar reiht sich Sister Act nahtlos in die Reihe der aufgepeppten Retorten-Stücke wie „Mamma Mia", „Ich will Spaß", „Buddy Holly" und „Ich war noch niemals in New York" ein. Die sind neben dem Nonnen-Stück nur blasse Unterhaltung. Zwar wärmt auch Sister Act die Geschichte des gleichnamigen Films auf, bietet aber mehr: neue Szenen, neue Handlungsstränge - und vor allem völlig neue Musik. Wer in Sister Act geht, erwartet eigentlich „Oh Maria" oder „I will follow him" - und so mancher Besucher der Medienpremiere auch „I will always love you", auch wenn dies aus einem anderen Film stammt. Doch dieser kleine Irrtum ist symptomatisch: So gut die Musik des Films auch ist - sie ist nicht alles.

So ist es zwar schade, dass keiner der bekannten und beliebten Songs am Hamburger Spielbudenplatz zu hören ist. Aber am Ende vermisst man sie eigentlich nicht. Die neue, von Alan Menken komponierte Musik ist genauso gut, genauso melodisch, bietet genauso viel Ohrwurm-Charakter - und liefert auch noch den für Musical-Melodien typischen roten Faden durch das gesamte Stück, der durch eine Eingliederung der alten Songs abgetrennt worden wäre. So gibt es tolle, mitreißende Rock- und Pop-Musik von Anfang bis Ende, passend zum Jahr 1978, in dem das Stück angesiedelt ist.

Menken, nicht nur bekannt und berühmt für seine gefeierten Soundtracks für Disney-Filme wie „Der Glöckner von Notre Dame", „Arielle", „Aladin" oder „Die Schöne und das Biest" sowie Musicals wie „Der kleine Horrorladen", schafft es, den Zeitgeist wiederaufleben zu lassen. Doch damit nicht genug: Aktuell bekannte Melodien lässt er für so manchen Gag mit einfließen. Die Übersetzung von Ruth Deny (Buch) sowie Kevin Schröder und Heiko Wohlgemuth (Liedtexte) überzeugen auf der ganzen Linie - und so mancher inhaltliche Witz wurde durch ihren Mut geboren, sich stellenweise vom Original zu entfernen und landestypischen Humor zu gebrauchen.

Wer den gleichnamige Film mit Whoopie Goldberg in der Hauptrolle der Deloris alias Mary Clarence kennt, wird die beliebtesten Szenen im Musical wiederfinden: So gibt es die Szene in der Rockerbar ebenso wie die Verfolgungsjagd zwischen Gangstern und Nonnen - allerdings findet diese nicht nach einem Flug in Reno statt, sondern im Kloster. Denn die Handlanger von Bösewicht Curtis Shank verkleiden sich als Nonnen, um Deloris im Kloster ausfindig zu machen. Untermalt ist die Szene mit dem einzigen instrumentalen Stück des Musicals, abgesehen von Ouvertüre und Schlussapplaus-Untermalung, und die erinnert tatsächlich an die Filmmelodie.

Auch auf der Bühne spricht Deloris das Tischgebet und selbst der Papst hat am Ende einen genialen Auftritt - aber wo und wie, bleibt an dieser Stelle verheimlicht. Denn der Schlussgag gehört mit zu den besten des Stückes.

Überhaupt reizt das Musical mit Humor an unerwarteten Stellen auf. Mathieu Boldrion als Polizist Eddie Fritzinger wird schnell zum Publikumsliebling. Gleich dreimal erhielt er in seinem Solo Szenen-Applaus - und ein weiteres Mal galt der Applaus der Regie und Kostümabteilung, die einen gekonnten Kleidungswechsel demonstrierten.

Hauptdarstellerin Zodwa Selele als Deloris ist die Idealbesetzung. Spritzig, stimmgewaltig und dennoch an den richtigen Stellen voller Gefühl, mitreißend und hingebungsvoll: So zieht sie die Besucher von der ersten Szene an in das Stück hinein. Kein Wunder, dass sie später auch glaubhaft das Nonnenkloster aufmischt und der kleinen, scheuen Mary Roberts (Ina Trabesinger) zu einem Selbstwertgefühl verhelfen kann.

Auch Trabesinger verkörpert die Rolle der Novizin schauspielerisch absolut phantastisch: Den schauspielerischen Spagat, ständig im Ensemble präsent zu sein, aber rollengerecht im Hintergrund zu bleiben, meistert Ina Trabesinger mit Bravour. Denn auch wenn ihr Charakter Mary Roberts am Habitzipfel der dominanten Schwester Mary Patrick (Martine de Jager) hängt, darf die Novizin niemals im Ensemble der anderen Nonnen untergehen. Zu Begeisterungsstürmen lockt auch Sonya Martin alias Schwester Mary Lazarus. In der Rolle der betagten Nonne am Klavier lässt sie so manchen Rap vom Stapel und legt kesse Sohlen aufs Tanzparkett.

Alles in allem überzeugt Sister Act aber durch die Ensemble-Leistung. Die Choreographie von Anthony van Laast lässt nur selten Stillstand auf der Bühne zu - und wenn dies der Fall ist, sorgen die insgesamt 28 Szenenwechsel auf der Bühne für Bewegung. Ob Chorprobenraum, Kirchenschiff, Bar oder Nachtlokal - über 100 Kulissenteile kommen im Stück zum Einsatz und ergänzen das Geschehen, ohne der Show selbst die Show zu stehlen.

Wer in Hamburg ist, sollte sich Sister Act also anschauen - und auch die eigens dafür geplante Anreise lohnt. Im Gegensatz zum Film hat es nur einen Nachteil: Man kann am Ende nicht noch einmal zu den schönsten Szenen zurückspülen.


Text: Stephanie Tatenhorst

 

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Szene aus "Sister Act": Sonntagmorgenfieber. (Foto: Stage Entertainment)
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Tetje Mierendorf in "Sister Act". (Foto: Stage Entertainment)
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(Foto: Stage Entertainment)
Artikel vom 05.12.2010    |    Musicalmagazin    |    Startseite
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