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Solide Unterhaltung: "Gypsy" in Kloster Oesede

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Louise (Linda Koprowski) hat es zu einer gefeierten Burlesque-Tänzerin gebracht. Foto: Dominik Lapp
Louise (Linda Koprowski) hat es zu einer gefeierten Burlesque-Tänzerin gebracht. Foto: Dominik Lapp
23.08.2011

REZENSION | Normalerweise berichtet thatsMusical nicht über Laienproduktionen, da sie im Vergleich mit Profiproduktionen wohl wesentlich schlechter abschneiden dürften und es nicht im Sinne der Redaktion ist, Laienschauspieler zu kritisieren, die in ihrer Freizeit auf der Bühne stehen.

Wenn nun aber eine Laienbühne wie die Waldbühne im niedersächsischen Kloster Oesede (Landkreis Osnabrück) mit Max Messler einen professionellen Musicaldarsteller als Regisseur engagiert, sich mit Brady Stephan Harrison einen weiteren Profi als Choreograf ins Boot holt, dann noch eine in Deutschland eher selten gespielte Großproduktion wie "Gypsy" auf den Spielplan setzt und außerdem einige Rollen nicht mit Laien, sondern mit Studenten der German Musical Academy Osnabrück besetzt, kann hier längst nicht mehr die Rede von einer Laienproduktion sein. Und das, was in Kloster Oesede zu sehen ist, ist glücklicherweise auch weit weg von einer eben solchen. Geboten wird solide Unterhaltung auf semiprofessioneller Ebene.

Die Handlung von "Gypsy" (Musik: Jule Styne, Originaltexte: Stephen Sondheim), die mit drei Stunden (inkl. Pause) doch etwas lang geraten ist, basiert auf dem Leben der Burlesque-Tänzerin und Stripperin Gypsy Rose Lee und spielt in den USA der 1920er und 1930er Jahre. Im Mittelpunkt steht Rose, die krampfhaft versucht, ihre Tochter June in verschiedenen Vaudeville-Shows zum Star zu machen – ohne Erfolg. Als June eines Tages vor ihrer Mutter flieht, widmet diese sich fortan ihrer zweiten Tochter Louise, die sie bislang immer vernachlässigt hatte. Louise beginnt eine Karriere als Burlesque-Tänzerin und Stripperin und erlangt den Ruhm, von dem ihre Mutter ein Leben lang träumte. Die Show bietet dabei genauso witzige wie melancholische Momente und erzählt eine Geschichte, die heute noch genauso aktuell ist wie bei der Uraufführung im Jahr 1959. Denn solchen Eltern, die sich am Erfolg ihrer Sprösslinge ergötzen, dürfte jeder schon einmal begegnet sein. So brauchen wir nur einen Blick über den großen Teich zu werfen, wo Amerikaner ihre Kinder schon im Kleinkindalter zu diversen Talentshows schicken.

Wirkt die Inszenierung von Max Messler im ersten Akt noch recht brav, so ist im zweiten Akt reichlich nackte Haut zu sehen. Ganz so, wie es zwei Revuetänzerinnern nach der Pause schon auf Hinweistafeln ankündigen. Insgesamt hat sich Messler aber keine großen Experimente geleistet, sondern erfreulicherweise absolut werkgetreu und zeitgemäß inszeniert. Dennoch gibt es ein paar Längen in dem Stück, die allerdings eher den Buchautoren als dem Regisseur anzulasten sind.

Die 1920er und 1930er Jahre spiegeln sich sehr schön im Bühnenbild und den Kostümen wider. Die Bühne besteht dabei aus einer riesigen Glühlampenwand im Stil einer großen Broadway-Revue und einem mit Glühlampen gesäumten Steg. Hinter mit rotem Samt bezogenen, verschiebbaren Wänden finden die Umbauten statt, während im Vordergrund eine Szene spielt oder ein Solo gesungen wird. Öffnen sich die Wände (die sich dabei unglücklicherweise manchmal verkanten), so  geben sie verschiedene Szenerien wie ein Vaudeville-Theater, ein Burlesque-Theater, ein Apartment oder eine Künstlergarderobe frei.

Sehenswert sind auch die Choreografien von Brady Stephan Harrison, der nach eigener Aussage selbst erstaunt war, wie sich die Laienschauspieler innerhalb eines Jahres tänzerisch verbessert haben. Die großen Shownummern gelingen jedenfalls absolut synchron. Schade nur, dass einige Tänzerinnen nicht zu übersehende Löcher und Laufmaschen in ihren Strumpfhosen haben, wodurch die professionell wirkende Inszenierung an Glanz verliert.

Zentrales Element von "Gypsy" sind natürlich die Darsteller, allen voran die großartige Linda Koprowski. Die 21-jährige Studentin der German Musical Academy macht in der Rolle der Louise von der vernachlässigten Tochter bis hin zur gefeierten Burlesque-Tänzerin eine wahnsinnig große Entwicklung durch. Doch es gelingt ihr spielend: Ihr Schauspiel ist auf den Punkt genau, ihre Bühnenpräsenz – trotz der anfänglichen rollenbedingten Zurückhaltung – sehr stark. Mit ihrer glasklaren Stimme meistert sie ihren Part auch gesanglich mit Bravour.

Die eigentliche Hauptrolle in "Gypsy" ist die Rolle der Rose. Karina Linnemann, die mit ihren 24 Jahren für die Rolle der Mutter eigentlich zu jung ist, verkörpert diesen anspruchsvollen Part für  eine Laiendarstellerin schauspielerisch wie gesanglich sehr professionell. Sie singt sicher und spielt überzeugend die nach Ruhm und Anerkennung dürstende Mutter von Louise und June. Schade, dass ihr Auftritt dadurch getrübt wird, dass sie sich in der besuchten Vorstellung mehrmals in ihrem Text verhaspelt. Insgesamt jedoch eine starke Leistung.

Gelassenheit und Ruhe strahlt Michael Dreier als Herbie aus, der einen liebevollen Künstleragenten gibt, während Tobias Spellbrink als Tulsa vor allem tänzerisch überzeugen kann. Großes komödiantisches Talent und ein gutes Gespür für Timing beweist außerdem Laura Trompetter in der Rolle der June.

Für die Musik sorgt das Orchester unter der Leitung von Georgi Gürov, das mit neun Musikern nicht kleiner ist als so manches Orchester einer Musicalgroßproduktion. Abgesehen von ein paar schiefen Tönen, spielen die Musiker auch äußerst sicher. Insgesamt also ein großer Spaß, der den Eintrittspreis in Höhe von 14 Euro absolut wert ist.

Text: Dominik Lapp

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Louise (Linda Koprowski, Mitte) mit ihren Showgirls. Foto: Dominik Lapp
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Rose (Karina Linnemann) gefällt es nicht, dass ihre Tochter ausgerechnet im Burlesque-Theater Karriere macht. Foto: Dominik Lapp
Artikel vom 23.08.2011    |    Musicalmagazin    |    Startseite
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