REZENSION | Neuer Intendant, neues Stück, jedoch altbekannte Erfolgsaussichten - "Schöner Wohnen" läutete am 2. September 2011 die neue Spielzeit im Berliner Grips Theater ein und lieferte damit den Auftakt für ein vielversprechendes Grips-Jahr. Das Schauspiel zeigt eine Geschichte, wie sie lebensnaher, fröhlicher und hoffnungsvoller kaum sein kann. Berliner genau wie Besucher der Haupstadt sollten bis zum 18. Dezember die Gelegenheit nutzen, einmal tiefer als gewohnt in das Leben eines Berliner Mietshauses einzutauchen.
"Schöner Wohnen" erzählt die Geschichte der Bewohner eines Mietshauses im Berliner Viertel Moabit. Hier leben das biedere Pärchen Anja und Markus zusammen unter einem Dach mit der allein erziehenden Mutter Adile, der Studentin und Edelnutte Charlotte, Businessmann Cyrus, Punker Paul sowie dem Hauseigentümer Harald. Die Hausgemeinsschaft versteht sich gut, jeder kennt sich, man fühlt sich wohl. Trotzdem könnte alles noch ein bißchen besser sein - Balkone wären nicht schlecht, Einbauküchen müssten erneuert werden, verbesserte Isolierungen sind ein Muss. Als das Haus schließlich tatsächlich von einem Großkonzern gekauft und modernisiert wird, steigen die Mieten in die Höhe. Die Bewohner sind gezwungen, einmal mehr zusammenzuhalten.
Die sozialkritische Geschichte von Autorin Franziska Steiof zeigt Berlin nicht nur in seinen schönsten Farben, sondern thematisiert mit den ansteigenden Mieten und aufgezwungenen Luxussanierungen auch ein durchaus aktuelles Problem. Das Volk lehnt sich auf, ist mit der Wohnsituation nicht zufrieden und sehnt sich nach vier Wänden, wo es nur sein muss wie es wirklich ist - wie es im eigens für das Stück komponierten Song heißt. Die "Lattemacchiatisierung" Berlins nervt, und wie schon im Grips-Klassiker "Linie 1" werden die Interessen der Arbeiterklasse vertreten. Die Rebellion lässt sich auch auf dem zum Stück gehörigen Plakat erkennen. Hier zeigen sich die Darsteller nach Manier der ehemaligen Kommune 1 nackt mit dem Rücken zum Fotografen und lehnen so an den damaligen Durst nach Wohnfreiheit an. Ehrlich und witzig zugleich.
In das Leben der Berliner Bewohner einzutauchen, macht Spaß, ist unterhaltsam und anrührend. So sehr hier der arbeitlose Punk oder die Mutter mit Migrationshintergrund auch die häufigsten Berliner Klischees bedienen, so wunderbar fühlt man sich auch verstanden und erkannt, sobald Mama Adile (gespielt von Katja Hiller) über ihre hart erarbeitete und letztendlich doch so verfluchte Unabhängigkeit jammert oder das von Nina Reithmeier und Florian Rummel verkörperte Pärchen Anja und Markus einfach nicht den rechten Weg aus ihrem Beziehungstrott findet. Die verschiedenen Charaktere werden vom Ensemble des Grips Theaters wunderbar in Szene gesetzt, und es scheint unmöglich, jemanden besonders hervorzuheben - so sehr glänzen die einzelnen Schauspieler in ihren Rollen.
Untermalt wird das Ganze mit eigens für das Stück komponierten Liedern aus der Feder von Thomas Zaufke, aber auch mit Songs wie Pinks "Funhouse" oder Nelly Furtados "All Good Things Come to End", die in neuen, teilweise witzigen Arrangements zu hören sind. Musik funktioniert auch hier als Gefühlsgarant. Spätestens wenn Jens Mondalski als Punker Paul seiner Geliebten Charlotte (gespielt von Jennifer Breitrück) Elvis' "Always on my Mind" ins Ohr haucht, ist man von der Hausgemeinschaft ganz hingerissen.
Das Grips Theater versprüht demnach auch unter Intendant Stefan Fischer-Fels noch das Berlin-Gefühl, was schon Fans des Klassikers "Linie 1" bestens vertraut ist. Wer also schon damals mit Bambi und Maria mitfühlte, wird an "Schöner Wohnen" mindestens genauso viel Freude haben.
Text: Julia Hoffmann







