Wer schon immer einmal neun Musicals an einem Abend erleben wollte, war an Silvester 2011 im ausverkauften Bad Homburger Kurtheater bestens aufgehoben. In der hochkarätig besetzten Musicalgala verbanden sich die Welterfolge des britischen Komponisten Andrew Lloyd Webber mit Stücken, die im deutschen Sprachraum eher unbekannt blieben, zu einem äußerst stimmungsvollen Gesamterlebnis, das wunderbar ins elegante Ambiente des Theatersaals passte.
Schon im ersten Abschnitt, der "Evita" gewidmet ist, zeigt sich, welcher Idee das Konzert folgt: Drei bis vier Lieder verbinden sich durch stimmig ausgewählte Requisiten und Kostüme gleichsam zu einer Kurzfassung des jeweiligen Musicals. Bei den weniger geläufigen Stücken wird eine kurze Inhaltsangabe vorangestellt. Dies geschieht recht abwechslungsreich: Entweder wie bei "Woman in White" durch kurze Spielszenen oder durch eine Erzählstimme - bei "Whistle down the Wind" Mark Seibert aus dem Off - bei der zunächst alle Protagonisten des jeweiligen Musicalausschnitts kurz im Spotlicht auf der Bühne stehen, um so die Zuordnung der handelnden Personen für das Publikum zu ermöglichen. Zusammen mit einem Lichtdesign, das die Stimmungen auch optisch wiedergibt, und einer einwandfreien Tontechnik bildet dieses Konzept die Basis für eine gelungene Veranstaltung, die die Künstler mit ihren durchweg hervorragenden Leistungen mit Leben füllen. Die Musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen der Pianistin Marina Komissartchik, die gewohnt souverän agiert und spielend ein ganzes Orchester ersetzt.
Paul Kribbe überzeugt vor allem durch seine enorme Wandelbarkeit: Ob als schriller Pharao mit Sonnenbrille, in tarngrünem Outfit als bissig-ironischer Ché oder als Exmann und Butler einer alternden Filmdiva - er ist schauspielerisch sofort auf dem Punkt und auch stimmlich absolut sicher. Mit schrillem Jesus-Glitzerbild auf schwarzem Shirt nimmt der gebürtige Niederländer mit "Weil sie ach so heilig sind", das vermutlich im englischen Original bekanntere "Heaven on their Minds", die Zuschauer in Sekundenschnelle mit in den Garten Gethsemane.
Dort fragt sich Christian Alexander Müller als Jesus verzweifelt, ob er die Kraft für das aufbringen kann, was ihn erwartet. Gerade in ihrer Einfachheit absolut passend auch hier die Kostümierung: barfuß, weißes Hemd und Jeans. Viel Beifall belohnt sein "Gethsemane", das er eindringlich, wenn auch ohne den rockigen Touch vorträgt, den man bei diesem Lied eigentlich erwartet. So stellt sich die Frage, warum nicht lieber Rock-Tenor Mark Seibert dieser Part überlassen wurde. Dies bleibt neben einem mit drei unbekannteren Stücken in Folge etwas unglücklich gewählten Einstieg in den zweiten Teil aber der einzige Kritikpunkt, der auch nicht dem Künstler anzulasten ist. Denn Christian Alexander Müller glänzt gerade durch seine klassische Gesangstechnik, die ihn mit enormem Stimmvolumen den Schlusston bei "Gethsemane" kraftvoll bis in die letzte Schwingung halten lässt. Er formt die Töne mit unglaublicher Leichtigkeit und wirkt selbst in den schwierigsten Passagen niemals angestrengt. So wundert es nicht, dass er als "jüngstes Phantom aller Zeiten" im Essener Colosseum Theater Musicalgeschichte schrieb. Seine "Musik der Nacht" verzaubert auch das Bad Homburger Publikum und er erhält zu Recht langen begeisterten Beifall.
Im Duett mit Kristin Hölck wird auch der Titelsong des Musicals, das 2011 sein 25-jähriges Bestehen feierte, zu einem Hochgenuss. Die sympathische Künstlerin stand im "Phantom der Oper" ebenfalls schon auf der Bühne - entsprechend überzeugend ihre schauspielerische Darstellung der Christine Daaé, geradezu brillant ihre Koloraturen. Später bei der Zugabe - "Erinnerung" aus "Cats" - gelingt es ihr dann, auch diesem schon etwas abgegriffenen Musikstück, das auf wirklich keiner Musicalgala fehlt, neue Facetten zu verleihen. In dramatischer, aber keineswegs überzogener Geste reckt sie die Arme gen Himmel, blickt zur Sonne und hofft als Grizabella auf ein neues Katzenleben. Dass sie wunderbare leise, sanfte Töne ebenso beherrscht wie druckvolles Belten, stellt Kristin Hölck als Laura mit "Könnt' ich nur dieser Welt enflieh'n" aus "The Woman in White" unter Beweis.
Hier gefällt auch Annika Bruhns als Marian, die sich mit "Nur für Laura" ihre Mitschuld am Unglück ihrer Halbschwester eingestehen muss. Als Rose in "Aspects of Love" fürchtet sie sich vor der Einsamkeit; verzweifelt spielt sie mit ihrer langen Perlenkette, eine einfache Geste, die sofort berührt.
Im Abendkleid als Evita, mit Hochsteckfrisur als ehemaliger Filmstar Norma Desmond und in schlichtem weißen Kleid als Maria Magdalena - Annika Bruhns legt mit ihrem warmen Mezzosopran viel Gefühl in jede ihrer Darbietungen und überzeugt auf ganzer Linie.
Ebenfalls überzeugend: die Neueinsteiger Annika Firley und Markus Psotta. Im Rahmen eines Castings, so erzählt Annika Bruhns bei der Vorstellung ihrer jungen Kollegen, habe man sie ausgewählt. Mit dem Duett "Du allein" aus "Starlight Express" singen sie sich mit großem Können in die Herzen der Zuschauer. Vor allem Annika Firleys Stimme lässt aufhorchen. Auf den weiteren Werdegang dieser jungen Künstlerin darf man gespannt sein.
Mark Seiberts bisheriger Werdgang dagegen ist wohl gerade hier schon bestens bekannt. Der stimmgewaltige Tenor stammt aus Bad Homburg und steht erstmals in seiner Heimstadt auf der Bühne. Im Verlauf des Abends begeistert er als Joseph ebenso wie mit dem melancholischen "Bleib noch bis zum Sonntag hier" aus "Tell me on a Sunday", bei dem er seine einprägsame, schöne Stimme sehr weich und warm klingen lässt. Seine komödiantische Seite zeigt er als König Herodes in "Jesus Christ Superstar". Gemeinsam mit allen Akteuren gibt er vor den Zugaben noch ein gefühlvolles "Lieben trotzdem" aus "The Beautiful Game", dann geht nach rund zweieinhalb Stunden musikalischer Unterhaltung auf höchstem Niveau der Abend zu Ende.
Text: Sylke Wohlschiess







