REZENSION | Dank des unermüdlichen Engagements des Musicaldarstellers Bernd Julius Arends ("Spamalot") entstand im ehemaligen Lichtburg-Kino seiner Heimatstadt Datteln ein kleines, aber feines Theater mit 114 Sitzplätzen - das KATiELLi Theater, benannt nach Arends‘ Großmüttern Kati und Elli. Eröffnet im November 2010, dauerte es bis April 2011, bis auch das Musical ins KATiELLi Theater einzog.
Mit "tick, tick... BOOM!" aus der Feder des "Rent"-Komponisten Jonathan Larson holte Arends eine deutschsprachige Erstaufführung in sein Theater. Korrekterweise sei erwähnt, dass das Stück bereits im März 2010 von einem Amateur-Ensemble in Kerpen aufgeführt wurde - damals jedoch mit englischen Songtexten und deutschen Dialogen. Arends hingegen erarbeitete für sein Haus eine komplett deutsche Übersetzung. Und die kann sich wirklich hören lassen.
Auf der Bühne bedarf es nur weniger Requisiten und eines überdimensionalen Kalenders, um das größtenteils autobiografische Musical von Jonathan Larson zu erzählen, das von dem Komponisten Jon (Alex Melcher) handelt, der seit Jahren ohne Erfolg an seinem Musical schreibt, nebenbei als Kellner jobben muss und eine Woche vor seinem 30. Geburtstag ganz tief in der Midlife-Crisis steckt. Transportiert wird die rund zweistündige Handlung durch sehr eingängige, rocklastige Musik - dargeboten von einer vierköpfigen Band, die Regisseur Paul Kribbe sehr gelungen in die Story integriert hat, zum Beispiel als Partygäste auf Jons Geburtstag.
In der Rolle des Jon ist Alex Melcher zu erleben, der mit der Musik von Jonathan Larson bestens vertraut ist, da er bereits bei der deutschsprachigen Erstaufführung von "Rent" in einer der Hauptrollen mitwirkte. Melcher, der aus der Rockmusik kommt und dessen Repertoire größtenteils auch aus Rock-Musicals wie "We Will Rock You", "Jesus Christ Superstar" und "Rockville" besteht, hat als Jon erneut eine Paraderolle gefunden. Er wirkt unglaublich authentisch, stark im Schauspiel und noch stärker im Gesang. Immer wieder reißt er als Jon aus der eigentlichen Handlung aus, um sich direkt an das Publikum zu wenden. Und in der intimen Atmosphäre des KATiELLi Theaters gelingt das so gut, wie es in keinem großen Theater möglich wäre.
Vera Bolten als Jons Freundin Susan und Theaterchef Bernd Julius Arends als Jons bester Freund Michael stehen ihrem Kollegen in nichts nach. Beide beweisen ihr schauspielerisches Talent, wenn sie nicht nur Susan und Michael, sondern auch alle anderen Rollen des Stücks verkörpern. So wird Bolten beispielsweise für ihre Darstellung einer Künstleragentin mit heftigem Szenenapplaus bedacht und hat aufgrund ihres aufgesetzten russischen Akzents alle Lacher auf ihrer Seite. Arends hingegen schlüpft unter anderem in die Rolle von Jons Vater, kann aber nicht nur auf komödiantischer Linie überzeugen, sondern auch in den ruhigen und ernsten Momenten des Stücks. So zum Beispiel, wenn Michael davon berichtet, dass er unheilbar krank sei.
Das Publikum erlebt in "tick, tick... BOOM!" eine Story um Liebe, Eifersucht, Krankheit, Geldsorgen, Zukunftsangst und Selbstzweifel, so wie sie das Leben schrieb. Dies alles in Kombination mit der wundervollen Musik und den authentischen und stimmstarken Interpretationen der drei Darsteller macht "tick, tick... BOOM!" zu einem sehr empfehlenswerten Musical und beweist, dass ein gutes Musical nicht immer nur von vergangenen Zeiten, Kaisern oder Königen handeln muss, sondern durchaus auch ein Thema der Gegenwart aufgreifen und emotional transportieren kann - und das sogar ganz ohne Pyrotechnik, wuchtige Kulissen und aufwändige Kostüme. Ein wahrer Geniestreich.
Text: Dominik Lapp







