REZENSION | In alten Kellergewölben unter Spinnweben und Staub erwacht in Berlin Friedrich Hollaenders Tingel-Tangel-Theater zum Leben. Nur wenige Schritte entfernt von der Originalschaustätte, wo Hollaender sich im Jahr 1931 seinen Traum vom eigenen Theater erfüllte, kann in der Vaganten Bühne Berlin bis zum 15. Oktober 2011 ins beginnende Nazi-Deutschland zurückgeschaut werden. Das Publikum erwartet ein skurriles, überraschendes sowie schauspielerisch hochwertiges Kabarett.
80 Jahre nach Gründung des einstigen Tingel-Tangel-Theaters – in den Kellerräumen des Berliner Theater des Westens – verirrt sich ein Bühnentechniker in die verstaubten Räume der ehemaligen Bühne und traut seinen Augen nicht, als er auf vier der damaligen Zeit entsprungenen Figuren trifft. Die schaurigen Gestalten überfallen den jungen Mann, verführen ihn und ziehen ihn mitten hinein in eine mitreißende Show aus Spuk, Musik, Ironie und Wahnsinn. Historisches wird plötzlich zur Gegenwart – Deutschland steht die Machtergreifung der Nazis bevor, und so werden die Töne im Tingel Tangel kritisch, beißend und gefährlich.
„Greif zu“, dachte Hollaender laut seiner Biografie, als er 1931 die Räume für sein eigenes Theater entdeckte. „Text, Musik, Regie und Geld – von mir!“, heißt es. Und so gründete der jüdische Musiker ein Revuetheater, in dem sich Größen wie Marlene Dietrich und Bertholt Brecht die Hand reichten. Provokativ und mutig inszenierte er im angehenden Nazi-Deutschland Stücke wie "An allem sind die Juden Schuld" und hatte damit großen Erfolg, bis er 1933 aus Berlin flüchtete, um in den USA seine Karriere fortzusetzen. Hollaender starb 1976, sein Geist lebt scheinbar jedoch weiter – spätestens jetzt in der Vaganten Bühne bekommt der Zuschauer eine Ahnung vom grotesken und leidenschaftlichen Deutschland der 1930er Jahre und von Hollaenders Werk.
Der Frack eingestaubt, die Abendkleider zerknittert, die Federboas verheddert, bieten die aus den Katakomben hervorgekrochenen Figuren einen sowohl schaurigen, jedoch auch anmutigen Anblick, sobald sie die zirkusähnliche Bühne des Tingel Tangel betreten. Die Zeichungen an den Wänden erinnern an Burlesque-Tänzerin Lola aus dem berühmten "Blauen Engel"; auf der anderen Seite der Bühne "schmücken" Propagandaplakate das Geschehen. Dieselbe thematische Mischung zieht sich auch durch die Songauswahl – neben Marlene Dietrichs verruchtem "Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre" schlagen Texte wie Kurt Tucholskys "Hitler und Goethe" – ein Vergleich des Dichters mit dem Diktator – eine ganz andere Seite an.
Hervorzuheben ist vor allem die schauspielerische Glanzleistung jedes einzelnen Darstellers des Kabaretts. Gebannt schauen die Zuschauer vor allem in Boris Freytags Augen, wenn dieser binnen weniger Sekunden völlig überzeugend von der Rolle des Kofferdiebes auf dem Bahnhof in die des Taxifahrers und daraufhin wieder in die Rolle eines geschwätzigen Reisenden schlüpfen kann. Genauso zieht Katharina Koch das Publikum in ihren Bann, als sie mit unglaublicher Ausdrucksstärke Hollaenders Chanson "Starker Tobak" performt. „Ach, was bin ich für ein perverses Aas“, behauptet sie hier und lässt keinen Zuschauer an der Wahrhaftigkeit dieser Aussage zweifeln. Katrin Höft, die erst 2010 ihre Musicalausbildung an der Berliner Universität der Künste abschloss, sowie Ben Zimmermann – bekannt aus mehreren TV-Produktionen – stehen ihren erfahreneren Kollegen hier kaum nach. Pianist Ferdinand von Seebach rundet das professionelle Schauspielquintett ab.
Mit Musical hat das ganze wenig zu tun. Dazu fehlen die eingängigen Songs und das Märchenhafte. Vielmehr handelt es sich bei James Edward Lyons’ Inszenierung von "Tingel Tangel" um ein mutiges, provokatives und elektrisierendes Kabarett. Wer sich drauf einlässt, wird daran großen Gefallen finden.
Text: Julia Hoffmann







