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Unvergessliches Reading: Maricels "Jeanne D'Arc" in Berlin

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Vielleicht findet sich nach dem Reading jemand, der "Jeanne D'Arc" auf die Bühne bringt. Foto: Gallissas Theaterverlag
Vielleicht findet sich nach dem Reading jemand, der "Jeanne D'Arc" auf die Bühne bringt. Foto: Gallissas Theaterverlag
30.09.2011 Rezension

REZENSION | Kampfgeist, französicher Nationalstolz, aber vor allem professionelles Musical waren am 26. September 2011 im Berliner Meistersaal zu erleben, wo sich die Berliner Musicalszene zusammenfand, um der berühmten Geschichte der Jungfrau von Orléans zu folgen. In Form eines Readings präsentierte Musicaldarstellerin Maricel Wölk - leider erst mal nur einmalig - ihre Fassung der "Jeanne D'Arc". Eine Performance vom Allerfeinsten, mit allem, was das Musicalherz verlangt.

Wir schreiben den Anfang des 15. Jahrhunderts. Im Zuge des Hundertjährigen Krieges wird Frankreich von England bedroht. Viele Teile des Landes sind von den Briten bereits eingenommen, und nur ein Wunder kann Frankreich vor der endgültigen Niederlage retten. Dieses erscheint in Form der dreizehnjährigen Johanna aus Lothringen. Vom Schicksal getroffen, hört Johanna göttliche Stimmen, die ihr den Weg zur Spitze der französischen Armee weisen. Unerschrocken, voller Glaube, Unschuld und Kampfgeist befreit Johanna große Teile ihres Landes und wird damit gleichzeitig zur Zielscheibe aller Machthabenden. "Große Mädchen weinen nicht", heißt es im Stück, und doch zwingen Intrigen und Verrat die willensstarke Jungfrau letztlich auf den Scheiterhaufen. Johanna stirbt, doch ihren Geist hat Frankreich bis heute nicht vergessen.

Die tragische Geschichte der Jungfrau von Orléans, die bereits Schiller oder Shakespeare literarisch verarbeiteten, schreit geradezu nach einer Musicalfassung, die durch eingängige Musik und professionelles Schauspiel die Dramatik des Ganzen erfasst. Musicaldarstellerin und Librettistin Maricel Wölk gelingt eine umwerfende musikalische Umsetzung der Legende. In Zusammenarbeit mit den Komponisten Stefan Mens und Thomas Lange erschafft sie ein Musical, das zu den ganz großen gehören kann, sollte es den Weg auf die deutschsprachigen Bühnen schaffen. Von Chansons über den klassischen Walzer bis hin zu ergreifenden Hymnen liefern die Macher einen Ohrwurm nach dem anderen. In Kombination mit einer jungen hübschen Heldin, einem einfältigen König samt Hofstaat, intriganten Regierenden und einer Liebesgeschiche bleiben keine Musicalwünsche offen.

Vor allem aber die Darsteller tragen hier zu einem packenden Abend bei. Als Johanna erlebt der Zuschauer eine grandiose und unverwechselbare Katja Berg. Stimmlich perfekt und schauspielerisch höchst talentiert, zieht die ehemalige Siegerin des Bundeswettbewerbs Gesang ihr Publikum ohne jeden Zweifel in ihren Bann. Zu Beginn als dreizehnjährige Unschuld vom Land überzeugt sie genauso wie als emanzipierte Anführerin der französichen Armee. Verzweiflung, Stärke, Liebe und Hass stehen ihr jeweils im passenden Moment ins Gesicht geschrieben. Und vielleicht gerade wegen fehlender Kostüme und Requisiten wirkt die junge Darstellerin umso authentischer und verletzlicher. Jede von ihr gesungene Ballade verspricht Erstaunen und Gänsehaut. Das Stück "Die Seele schreit" in einer Szene, in der Johanna durch Stimmen und den wachsenden Druck fast wahnsinnig wird, bleibt besonders in Erinnerung und führt zu minutenlangem Szenenapplaus.

An Bergs Seite reihen sich bekannte Musicaldarsteller ein wie Nikolas Gerdell als Herzog von Beford sowie Petter Bjällö als König Charles VII. Als überzeugende weibliche Gegenspielerin Johannas tritt "We Will Rock You"-Darstellerin Gudrun Schade auf. Mit Andreas Lichtenberger, dem männlichen Hauptdarsteller aus Wiens "Ich war noch niemals in New York", Sasha di Capri als Jean de Metz und Philipp Georgopoulos als Georges de la Trémoille schließt sich der Kreis prominenter Musicaldarsteller.

Wenn schon das Reading so eine positive Wirkung hat, ist es kaum auszudenken, wie das Stück samt Kostümen, Orchester und Bühnenbild begeistern würde. Maricels "Jeanne D'Arc" besitzt die Dramatik, die ein Musical braucht - eine wunderbare und längst überfällige Abwechslung zu all den Spaßshows und komödiantischen Filmadaptionen, die gerade die großen deutschen Musicalbühnen bestimmen. Dass es nicht größer und häufiger aufgeführt wird, lässt sich höchstens dadurch erklären, dass das moderne Publikum anscheinend keine Stücke ohne Happy End mehr vertragen kann. Sehr schade - sind es doch gerade die traurigen Geschichten, die am meisten berühren und Raum für die ergreifendste Musik bieten. Aber wir dürfen gespannt sein. Schließlich war das, was im Berliner Meistersaal zu sehen war, lediglich ein Reading, also eine Präsentation, damit Intendanten und Produzenten auf "Jeanne D'Arc" aufmerksam werden und dieses Musical zur Aufführung bringen.

Text: Julia Hoffmann

Artikel vom 30.09.2011    |    Musicalmagazin    |    Startseite
Thema:  jeanne  d'arc  maricel 
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