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Weltpremiere: "Der Graf von Monte Christo" in St. Gallen

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Beeindruckend agiert Thomas Borchert in der Titelrolle als Graf von Monte Christo. (Foto: Theater St. Gallen)
Beeindruckend agiert Thomas Borchert in der Titelrolle als Graf von Monte Christo. (Foto: Theater St. Gallen)
09.03.2009 Drucken

Mehr als 50 akkreditierte Journalisten, Premierengäste aus den USA und Japan oder Prominente wie Kurt Felix und Ehefrau Paola, dazu Besucher, die in der Musicalszene Rang und Namen haben: Was sich im Theater St. Gallen am Samstag bei der Weltpremiere von „Der Graf von Monte Christo" abspielte, offenbarte der Intendanz ein völlig neues Daseins-Gefühl. Denn spätestens jetzt ist auch dem Letzten klar, dass das Drei-Sparten-Haus in der Schweizer Kantonshauptstadt zu den führenden Musical-Theatern im deutschsprachigen Raum gehört.

„Dabei geht es gar nicht so um uns", wiegelte Theaterdirektor Werner Signer in der Begrüßung der Gäste in einem separaten Raum des Theaters ab. „Es ist uns eine große Freude, dass wir Frank Wildhorn hier haben." Der Broadway-Komponist hatte sein neuestes Werk im Auftrag des Theaters St. Gallen geschrieben - und gemeinsam mit Autor Jack Murray das spannende Degen-Abenteuer um einen ehemaligen Kapitän und dessen Rachefeldzug aus der Feder Alexendre Dumas für die Bühne adaptiert.

„Es war ein wundervolles Abenteuer, diese Show zu machen", erklärte Frank Wildhorn vor der versammelten Presse. „Seit Wochen konnten so viele wunderbare, internationale Künstler miteinander arbeiten. Jetzt hoffe ich nur, dass es eine wichtige und wunderbare Nacht für das Theater St. Gallen werden wird."

Dass dem so war, davon konnte sich das Premierenpublikum überzeugen. Auch wenn Wildhorn nicht allzu tief in seine Melodienschublade gegriffen hat, auch wenn die Charaktere für manchen Geschmack zu oft an Figuren aus anderen Wildhorn-Stücken erinnern, auch wenn das Stück selbst keine Neuerfindung des Genres ist - das Theater St. Gallen kann stolz darauf sein, in seinem Haus eine Weltpremiere gefeiert zu haben. Denn über die musikalischen Schwächen kann anlässlich der restlichen Ausstattung, die das Theater selbst zu verantworten hat, hinweggesehen werden. Ob einfallsreiche Kulissen oder opulente Kostüme, perspektivisch stimmende Video-Einspielungen oder eine einfallsreiche Regie von Andreas Gergen - hier brachte das Theater ein Kreativteam zusammen, das von Anfang bis Ende Spaß an der Inszenierung gehabt zu haben schien. Und dementsprechend ließ der im Applaus messbare Erfolg nicht lange auf sich warten.

Vor allem Thomas Borchert war es, dem der Respekt des Abends gebührte. Welche Energiereserven er nutzte, um von der ersten bis zur letzten Minute dauerhaft bei 100 Prozent zu liegen, wird sein Geheimnis bleiben. Tatsache ist nämlich, dass „Der Graf von Monte Christo" unterm Strich eine Ein-Mann-Show mit nettem Ensemble-Beiwerk ist, die für den Darsteller der Titelpartie eine Mammutaufgabe ist. Nicht nur, dass er auf der Bühne schauspielerisch eine Zeitspanne von schätzungsweise 30 Jahren abbilden muss, nicht nur, dass sich scheinbar pausenlos Soli an Duette anschließen und die Textbeherrschung für die Rolle des Edmond Dantes/Graf von Monte Christo sowohl einen Jean Valjean als auch einen Jekyll & Hyde problemlos in den Schatten stellt, Borchert muss daneben auch noch am laufenden Band kämpfen, fechten, tanzen, schwimmen - kurz: richtig körperlich arbeiten.

Dass dabei das Wichtigste, das Schauspiel, nicht zu kurz kam, zeigte gleich drei Mal ein minutenlanger Szenenapplaus. Denn obwohl Borchert von Anfang an alles gab und sich selbst keinen Durchhänger zu gestatten schien, drehte er an drei Stellen sowohl schauspielerisch als auch stimmlich so auf, dass es einen fast von den Sitzen riss. Nur einmal sang Borchert den Schlusston nicht bis zum allerletzten Rest - und dass die Wandlung des Monte Christo vom Rächer zum geläuterten Gläubigen am Ende des Stückes zu schnell kommt, ist nicht Borchert, sondern dem Buch anzulasten. Hier wäre eine weitere Szene, die sowohl Publikum als auch Darsteller kurz zur Ruhe kommen lässt, angemessen gewesen.

Dafür gab es zwei andere Szenen, die man anstelle derer durchaus hätte straffen oder gar weglassen können. So ist die Wildhorn/Murphy'sche Erfindung der Piratin Luisa Vampa (im Buch ist es ein Mann namens Luigi Vampa), die Edmond Dantes nach dessen Flucht aus dem Kerker des Chateau d'If aus dem Meer fischt, zwar nett anzusehen und erntet vor allem vom männlichen Teil des Publikums bewundernde Pfiffe und Blicke, doch die bewusst als Domina eingesetzte Figur macht sich selbst lächerlich, da die ihr eigentlich untergebene Horde frühzeitiger Punker im Hintergrund macht, was sie will.

Ähnliches gilt für die Bordellszene am Ende des ersten Aktes, in der Edmont Dantés als frisch ernannter Graf von Monte Christo seinen Rachefeldzug plant und einstielt. Dass sich hier gleich fünf Kurtisanen auf großen Kissen räkeln und „römischen Genuss" versprechen, ist viel eher komisch anzusehen denn erotisch, zumal sich die Darstellerinnen bei ihrem Geräkel auch noch in dem roten Tuch verheddern, auf dem die überproportionierten Kissen lagern. Dass sich daneben wie von selbst Erinnerungen an die Vampiretten-Szene aus Wildhorns „Dracula" einschleichen, macht die Szene auch nicht besser. Eine einzige Gespielin, die dem reichen Grafen von Monte Christo jeden Wunsch von den Augen abliest, wäre hier nicht nur erotischer, sondern auch glaubwürdiger gewesen.

Davon abgesehen bietet „Der Graf von Monte Christo" aber eine Kulissen- und Kostümschlacht vom Feinsten. Ausladende Ballkleider bieten gezielte Farbtupfer im ansonsten farblich sehr dezent gehaltenen Kostümfundus, der vor allem eines vermeidet: Kitsch. Selbst das Outfit der dominanten Piratenbraut ist trotz Lack und Leder äußerst geschmackvoll, während die Kleidung der Gefangenen vom Chateau d'If dem klassischen Sack und Asche-Metier entspringt. Der Kostümdesignerin Susanne Hubrich, die kurzfristig nach einem krankheitsbedingten Ausfall einsprang, gebührt hier wirklich ein Lob besonderer Güte.

Ähnliches gilt für Allen Moyer, der für das Bühnenbild verantwortlich zeichnete, denn der schuf immer wieder aus Nichts unterschiedliche Szenerien. Zwei bewegliche Gerüste dienten sowohl als Hafenpier, Balkon oder Balustrade wie auch als Schiffsbrücke oder Katakomben, ein überdimensionales Gemälde, eine Treppe und diverse Gitter im Bühnenboden vervollständigen die Requisiten, die Moyer für seine Zauberkiste benötigte. Im perfekten Einklang mit den Videoeinspielungen der Firma fettFilm entstanden Illusionen von Schiffen auf dem Meer, einem Hafen in Marseille, einer Sternen klaren Nacht oder dem Karneval in Rom. Was das Drei-Sparten-Haus St. Gallen mit seiner Eigenproduktion an optischen Eindrücken aus dem Hut zauberte, findet nicht so schnell seines Gleichen.

Auch das Ensemble ist hervorragend besetzt, leidet allerdings unter der starken Präsenz der Titelfigur. Mercédès-Darstellerin Sophie Berner schafft es mit ihrer warmen, aber dennoch durchdringenden Stimme am ehesten, sich neben Borchert zu etablieren, allerdings hat sie es in den Duetten neben dem stimmgewaltigen Hamburger so schwer, dass sie leider zu oft einfach nur laut wird. Ihre Soli sind hingegen ein absoluter Genuss und zu Recht erhielt auch sie am Premierenabend minutenlangen Szenenapplaus.

Die drei Antagonisten Carsten Lepper (Mondego), Christoph Goetten (Villefort) und Karim Khawatmi (Danglars) bestechen im gemeinsamen Song „Geschichte" - Carsten Lepper kann sich darüber hinaus noch in spannenden Fecht- und Kampfszenen präsentieren. Gesanglich bleibt für das Ensemble in „Der Graf von Monte Christo" oft nicht einmal der Hintergrundchor - und das obwohl es ein so gut wie durchkomponiertes Stück ist. Die Hauptarbeit liegt eben bei der Titelfigur, alles andere ist nicht viel mehr als - aber immerhin gutes - Beiwerk. Einzig in der Ensemble-Nummer „Wie man hört" können alle Aktiven auf der Bühne zeigen, dass sie ihr Handwerk beherrschen - und wenn die Damen des Ensembles mit Schwung und auf den Punkt ihre Fächer zum Einsatz bringen, wünscht man sich glatt mehr solcher Szenen.

Auch von Barbara Obermeier alias Valentine, der Verlobten von Mercédès Sohn Albert, möchte man mehr hören als nur „Schöner Schein" - zumal sie gegen Ende das Zünglein an der Waage wird, wenn es darum geht, Edmond Dantés auf den Pfad der Tugend zurückzubringen.

Alles in allem ist „Der Graf von Monte Christo" zwar keine Neuerfindung des Abenteuermusicals und mit Sicherheit keine musikalische Meisterleistung seitens des Komponisten, aber was das Theater St. Gallen mit all seinen auf und hinter der Bühne Aktiven geleistet hat, muss ein anderes Haus dieser Größenordnung erst einmal nachmachen.


Autor: Stephanie Tatenhorst

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Mit einer soliden Leistung überzeugt auch das Ensemble. (Foto: Theater St. Gallen)
Artikel vom 09.03.2009    |    Musicalmagazin    |    Startseite
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