Nach Vampiren haben nun Hexen Einzug ins Metronom Theater Oberhausen gehalten. Mit „Wicked - Die Hexen von Oz" zeigt Produzentin Stage Entertainment einen auch bereits in Stuttgart erprobten Broadway-Erfolg als Nachfolger von „Tanz der Vampire" im Ruhrgebiet.
Die Geschichte erklärt, wie es zu den Vorfällen im Lande Oz kam, die in dem bekannten Film mit Judy Garland erzählt werden: Die mit grüner Hautfarbe auf die Welt gekommene Elphaba (Willemijn Verkaik) sieht sich dem Spott und Hohn ihrer Umwelt ausgesetzt. Selbst von ihrem Vater bekommt sie keine Anerkennung. Schließlich lernt sie auf der Universität Glinda (Joana Fee Würz) kennen und muss sich ein Zimmer mit ihr teilen. Die beiden jungen Studenten könnten unterschiedlicher nicht sein und doch entwickelt sich im Laufe der Zeit eine Art Freundschaft. Die Vorkommnisse im Lande Oz versetzen Elphaba in Schrecken und schließlich nimmt sie den Kampf gegen den von ihr enttarnten Zauberer von Oz (Carlo Lauber) auf, der mit Hilfe seiner Pressereferentin Madame Akaber (Barbara Raunegger) die Bevölkerung glauben lässt, Elphaba sei eine böse Hexe. Das hörige Volk des Scharlatans nimmt schließlich die Verfolgung auf: Die Grüne wird zur Verfolgten. Das Propagandanetz des angeblichen Magiers wird immer enger und schließlich sieht sich die zur bösen Hexe denunzierte Elphaba gezwungen, ihren Tod vorzutäuschen um mit ihrem Liebhaber Fiyero (Mathias Edenborn) ein ruhiges Leben führen zu können.
Zunächst fallen bei „Wicked - Die Hexen von Oz" neben der
hervorragend abgestimmten und durchweg äußerst bühnenwirksamen Musik von
Stephen Schwartz die gelungenen Übertragungen der Lied- und Sprechtexte
(Michael Kunze, Ruth Deny; Original von Winnie Holzman) auf. Diese vermitteln
an keiner Stelle den Eindruck einer lieblosen bloßen Übersetzung, sondern klingen
durchweg originell und zeugen von großem handwerklichen Geschick. Dass diese
wertigen Texte - und das ist auch heutzutage leider noch nicht immer Gang und Gäbe
- überhaupt durchgängig zu verstehen sind, ist vor allem dem guten Ton im
Metronom Theater zu verdanken, der eine beeindruckende Sprachverständlichkeit
garantiert. Kleiner Wermutstropfen ist, dass, wie bereits in Stuttgart, die
Orchesterabmischung lediglich in Mono erfolgt und somit streckenweise etwas an
Tiefe und Staffelung einbüßt. Nichts desto trotz steht fest, dass die
Tonabteilung auf äußerst hohem Niveau arbeitet und einen in sich homogenen
Klang realisiert hat. So konnte das unter der Leitung von Christoph Bönecker
agierende Orchester erst seinen punktgenauen und durchweg knackigen Sound ins
Auditorium portieren.
Das zweifelsohne beeindruckende Bühnenbild (Eugene Lee) hat nichts von seiner
Strahlkraft eingebüßt und wirkt auch in Oberhausen auf den Zuschauer so, dass man in die Geschichte einbezogen wird. Durch die äußerst aufwendigen Aufbauten
vor und auf der Bühne wird der Handlung ein passender Rahmen gegeben, der auch
durch das herrlich unaufdringliche, handlungsstützende und mit einigen
Überraschungsmomenten aufwartende Lichtdesign von Kenneth Posner unterstrichen
wird.
In Oberhausen ist die Hauptrolle der Elphaba erneut mit der bewährten Willemijn
Verkaik besetzt, die auch hier eine überzeugende Rollenzeichnung abrufen kann
und darstellerisch wie gesanglich auf sich aufmerksam macht. Hier darf getrost
von einer idealen Besetzung gesprochen werden. Ganz ähnlich ist dies bei Joana
Fee Würz als Glinda. Die schrullige Persönlichkeit wird von ihr trotz aller durch
die Geschichte vermittelten Oberflächlichkeit facettenreich gespielt. Eine
nicht zu unterschätzende Leistung. Gesanglich ist auch hier überhaupt nichts
auszusetzen. Selbst in den obersten Lagen klingt Würz glockenklar. Mathias
Edenborn als Fiyero hat es bei den beiden Damen in vorderster Front sicherlich
etwas schwer und lässt gerade im zweiten Akt durch eine streckenweise etwas
farblose Darstellung des einstigen Machos Potential verstreichen, das er
sicherlich noch im Laufe einer kleinen „Einspielzeit" abrufen kann. Das gleiche
hofft man auch für Ben Darmanin in der kleinen aber wichtigen Rolle des Moq. Eilte
er dem Orchester am Premierenabend über einige wenige Takte noch etwas voraus,
gab er sich gesangstechnisch sicher souverän. Jedoch wünscht man sich auch
hier, dass der Figur noch etwas mehr Leben eingehaucht wird. Unterm Strich darf
dem gesamten Ensemble trotz der kleinen Kritikpunkte aber attestiert werden,
dass eine gesanglich und darstellerisch mehr als bloß akzeptable Leistung
präsentiert wird. Durch die streckenweise diffizilen Gesangspassagen schien der
Chor mühelos zu manövrieren. Die Choreografien wurden mit ebenso großer
Präzision abgerufen wie die schauspielerischen Einlagen.
So ist in Oberhausen nun die wahrlich märchenhafte Geschichte von „Wicked" zu sehen. Trotz aller Tiefsinnigkeit, trotz einiger anrührender Appelle, trotz der nachdenklich stimmenden Frage nach der Manipulierbarkeit eines ganzen Volkes und nach Wahrheit ist der Spagat gelungen ein unterhaltsames und oft auch witziges Musical zu präsentieren, das damit aufwarten kann anspruchsvolle Unterhaltung (und wenn man möchte sicher auch mehr als das) zu bieten. Einen Anspruch, den man gerade hierzulande von einigen Seiten immer wieder gern dem gesamten Genre Musical abzusprechen versucht. „Wicked" bricht hier zwar nicht als einziges Musical eine Lanze, zeigt aber eindrucksvoll, dass beides auch unter einen Hexenhut zu bringen ist.
Autor: Michael Potthast








